Brasilien II

Brasilien

Direkt nachdem unser erster Brasilien-Blog vor 2 Wochen online ging, stand  prompt eine brasilianische Zeitung bei uns auf der Matte und interviewte uns für einen Zeitungsartikel für die Lokalzeitung von Frederico Westphalen. Der junge Reporter konnte unsere abenteuerliche Reise kaum glauben und fragte immer wieder ungläubig nach ob er die Fakten, Details, Geschichten und die lange und teilweise wilde Reiseroute von über 26.000km auch wirklich richtig verstanden hat. In solchen Situationen wird uns immer wieder bewusst, dass wir hier etwas aussergewöhnliches, etwas einzigartiges mit unserer Tour meistern, vielen Menschen würde dies wohl noch nicht einmal in ihren kühnsten Träumen einfallen.

Ein neues Pedal für Sandro.

Ein Ersatz-Pedal für Sandro.

Inzwischen befinden wir uns im südlichsten Bundesland Brasiliens und damit in „Rio Grande do Sul“ und sofort werden wir vor einige technische & natürliche Herausforderungen gestellt. Es liegt ein dichter Nebel über der Region, die Sicht beträgt kein 15m und von brasilianischer Hitze können wir nur träumen. Sandro klebt das Pech am Schuh bzw. am Pedal, keine 20km hinter Frederico Westphalen, unserem letzten Blog-Ort, bricht Sandros Pedal aus der Kurbel und lässt sich nicht mehr reparieren. Zu allem Überfluss hat Nico von dem ganzem Drama nichts mitbekommen und fährt weit voraus, erst am späten Abend treffen wir ihn wieder. Was nun? Mit nur einem Pedal fährt es sich einfach, gerade in der hügeligen und sehr einsamen Gegend, extrem schlecht. Wir improvisieren, ziehen und schieben Sandros Rad, Sandro fährt mit einem Bein, Sandro schiebt sein Rad, etc., etc. Nach circa 20 km kommen wir endlich an einer kleinen Werkstatt vorbei, dort erklären wir den Arbeitern in unserem holprigem portugiesisch die Situation, die Jungs sind super und nach wenigen Minuten hat Sandro ein selbstgebasteltes Pedal angeschweisst am Rad. Allerdings hält diese nur für circa 1 km und Sandros Leidensweg mit nur einem funktionsfähigen Pedal setzt sich fort. In der nächsten Stadt bekommt Sandro eine komplett neue Kurbel samt Zahnkranz, die Qualität lässt zwar zu wünschen übrig, aber der Mechaniker ist auf zack und seine Arbeit schaut recht gut aus und wir sind zuversichtlich damit die nächsten Tage durchzukommen, zu früh gefreut?

DCIM100GOPROGOPR3055.

Geschweisstes Ersatzpedal. Leider fällt es nach ca.1 Kilometer wieder ab.

2015-03-03 06.45.46

Live berichtet Nico über unsere Reise im Radio Simpatia.

Nico wurde in der Zeit vom Radio interviewt und erfährt über dieses auch von unserem Standort, etliche Anrufe gehen ein und am späten Abend finden wir uns im Pfarrhaus der kleinen Gemeinde Chapada wieder. Padre Antonio Dino ist ein wunderbarer Mensch, wir werden wie die verlorenen Söhne aufgenommen und königlich bewirtet, es wird ein bunter, fröhlicher Abend mit viel Witz & Charme. Am nächsten Tag sind wir das Gesprächsthema Nr.1 in seinem Radio-Gottesdienst, später führt uns Padre Antonio Dino aus dem Dorf, er fährt mit seinem Auto laut hupend vor uns her, ein bunter, sehr humorvoller Gottesdiener mitten auf dem Lande.

Padre Antonio und viele neugierige Kinder.

Padre Antonio Dino und viele neugierige Kinder.

Es geht also weiter mit uns dreien, Porto Alegre und damit der Atlantik ist das Ziel für die nächsten Tage. Auch in Brasilien kommen wir durch viele abgelegene Dörfer, die Menschen sind hier extrem freundlich und hilfsbereit, viele leben in einfache Häusern und in einfachsten Verhältnissen. Gerade in den abgelegenen Dörfern und ärmeren Regionen wird uns wieder klar, was für ein Glück wir haben eine solche Reise machen zu können. Viele Menschen welchen wir begegnen dürfen werden ihr Dorf, ihre Provinz nie verlassen können, trotzdem strahlen die Menschen hier oft eine unheimlich positive Lebensenergie aus.

Mit Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit sind wir auf der ganzen Reise schon reichlich gesegnet worden, aber die Brasilianer setzen einfach noch eine Portion drauf. Überall wo wir nach einer Übernachtungsmöglichkeit suchen, es regnet jeden Tag und zelten ist daher nur eine Option im Notfall, stehen uns die Türen offen. Täglich überrascht uns das Leben neu, wir werden eingeladen in Tankstellen, in Pfarrhäusern oder um in privaten Häusern zu übernachten, meistens ist das Abendessen und die heisse Dusche inklusive. Geld wird kategorisch abgelehnt, Reisenden ein Bett anzubieten gilt hier als Ehrensache. Schlechte, negative Erfahrungen in Brasilien? Nicht eine einzige!!

Der BR-386 führt uns durch eine „Maulwurfslandschaft“, Hügel rauf, Hügel runter, in unseren Pausen sind wir umringt von neugierigen Menschen und müssen für zahlreiche Fotos posieren auch das Radio wird hin und wieder extra für uns angerufen und sendet teilweise live von unserm Pausenort. Nicht nur unsere TX-1000 Räder der VSF-Fahrradmanufaktur aus Oldenburg begeistern, gerade die dazugehörige Rohloff-Schaltung fasziniert die Menschen und wir erklären, erklären und erklären das Wunderwerk mit den 14-Gängen in der Box immer wieder.

DCIM100GOPROGOPR3137.

Fritz und Frida. Typisch deutsch oder doch eher typisch bayrisch!?

Zahlreiche Menschen im Süden Brasiliens haben deutsche Vorfahren und sprechen auch nach mehreren Generation noch ein perfektes deutsch und pflegen die Bräuche ihrer Vorfahren. Unglaublich aber wahr, hier hat sogar der stolze Bayer ein Migrationshintergrund, auch wir Deutschen hatten wilde Zeiten in unserer Heimat und sind als Auswanderer oder gar als Flüchtlinge in die ganze Welt geströmt und waren froh eine neue Bleibe gefunden zu haben. Jeder der lautstark hetzerische-rechte Parolen in Deutschland oder sonst wo auf der Welt verbreitet sollte sich, gerade in der momentanen angespannten und schwierigen Zeit in welcher hilfebedürftige Menschen nach Deutschland kommen, mit unserer eigenen Geschichte befassen.

DCIM100GOPROGOPR3108.

Bei Gelson und seinen Jungs bekommen wir unser erstes Churrasco zum Abendessen.

Gelson wohnt mit seinen Söhnen Frederico und Lorenzo in einem Dorf und beherbergt uns für eine Nacht, der Metzgermeister verwöhnt und mit fleischigen Delikatessen und erzählt uns Geschichten über Land und Leute. Draussen prasselt der Regen aufs Dach und wir sind froh über eine warme, trockene Unterkunft für die Nacht. Sandros Pedal bricht wieder von der Kurbel, Gelson bringt uns zum nächsten Mechaniker, jetzt hält alles. Hoffentlich!!!

Es ist wirklich zum verrückt werden, die ganze Reise hatten wir nur sehr wenige Regentage und in Brasilien hört es dafür einfach nicht auf zu pissen. Die biblische Sintflut hat mit Sicherheit ähnlich begonnen, es ist wie die Fahrt durch einen dauerhaften Wasserfall und dieser zieht sich über mehrere Tage dahin. Falls es so weiter regnet können wir bei den olympischen Schwimmwettbewerben ohne Problem doch noch selbst teilnehmen….

Am Tag 443 und mit Kilometer 26693 erreichen wir Porto Alegre und damit den nächsten großen Teich, den Atlantik. Gute 10 Wochen haben wir von Lima/Peru und damit vom Pazifik an den brasilianischen Atlantik gebraucht und dabei über 6000km auf unseren Bikes gesessen, wieder eine einmalige Geschichte. Rauschende, tobende Wellen sind immer noch die schönste Hintergrundmusik und wir freuen uns auf die Küstenstraße am Ozean entlang.

13689329_10206561925348943_2043461262_n

Klaus und Inge sind zwei wunderbare Gastgeber. Vielen Dank!

In Porto Alegre kommen wir bei Klaus und Oma Inge unter, Klaus Tante Lena aus München hat uns diesen genialen Kontakt besorgt und wir verbringen gleich 2 Ruhetage im gemütlichem aber dennoch agilen und unterhaltsamen Porto Alegre. Endlich zeigt sich auch mal die Sonne, unsere komplette Ausrüstung und nahezu die gesamte Kleidung wurde nass und muss daher gewaschen, getrocknet und wieder verpackt werden. Klaus ist ein interessanter und äusserst vielfältiger Mensch, er zeigt uns das Nachtleben der Stadt, macht mit uns Sightseeing-Touren durch die Altstadt und scheint jeden in der Millionenmetropole persönlich zu kennen. Nachdem wir uns ausgeruht haben und jedes Familienmitglied, und da gab es einige, kennenlernen durften entscheidet sich Klaus die nächsten circa 550km bis nach Florianopolis mit uns zu radeln.

DCIM100GOPROGOPR3168.

Schlafsäcke, Wäsche usw. Alles muss getrocknet werden.

2016-07-16 14.15.33

Klausinho radelt mit uns bis Florianópolis.

Klaus ist der vielleicht weisseste Brasilianer der Welt, damit wenigstens der Name brasilianische klingt entscheiden wir uns für einen Künstlernamen und damit für „Klausinho“! Wir 4 machen uns also auf den Weg, der Regen hat an Kraft und Ausdauer verloren und, oh Wunder, wir haben Rückenwind bei flacher Strecke. Wir strampeln auf der Autobahn, dem Highway 101, was die rot-weissen Schilder mit dem durchgestrichenen Fahrrad bedeuten wissen wir nicht, dafür reicht unser Portugiesisch leider nicht aus. Klausinho zeigt uns eine brasilianische Delikatesse nach der anderen, auch die zahlreichem all-u-can-eat Restaurants lassen unsere Bikinifigur wieder fülliger werden.

Pferdekutschen sind nicht erlaubt, das andere Symbol kennen wir nicht.

Pferdekutschen sind nicht erlaubt, das andere Symbol kennen wir nicht.

Brasilianer fragen anscheinend gerne nach dem „Warum?“ und damit nach dem Sinn unserer Reise. Also warum wir diese Reise machen? Mmh, schwierige Frage! Warum lesen Menschen Bücher und laufen Marathon oder interessieren sich für Sternbilder? Warum sammeln Leute Briefmarken oder züchten Hunde? Für uns spielt sich das Leben immer schon meistens draussen ab und zwar jetzt und hier. Vielleicht sammeln wir aber auch nur genügend Geschichten für unsere Enkelkinder, wer weiss. Ein plausible Antwort gibt es wohl nicht, wir könnte auch den Fragesteller mit einem „Warum nicht?“ zum schweigen bringen.

Reifenwechsel Nr.1, Nr.2 lässt nicht lange auf sich warten.

Reifenwechsel Nr.1, Nr.2 lässt nicht lange auf sich warten.

Klausinho fügt sich gleich am ersten Tag mit 2 Plattfüßen gut ins Team ein, Sandro und Nico legen allerdings schon wenige Tage später mit Nr. 19 bzw. 18 weiter vor. Am 447 Tag hat Nico seinen dritten und bislang schwersten Sturz, bei einer Abfahrt touchiert er Klaus, verliert die Kotrolle übers Rad und schlittert über den Asphalt. Wir verarzten die zahlreichen Schürfwunden noch auf der Strasse, Glück im Unglück es ist Gott sei Dank nicht mehr passiert und der Strassenbelag war in diesem Abschnitt eher glatt. Nico beisst die Zähne zusammen und macht für einige Tage etwas langsamer.

Direkt nachdem Sturz bekommen wir die wahrscheinlich bizarrste Übernachtungsmöglichkeit angeboten. Julian und Klaus klopfen an einer Kirche an und bekommt die Leichenhalle als Schlafplatz für unser Quartett angeboten. Der Pfarrer überreicht uns die Schlüssel mit der folgenden furztrocknen Anmerkung:

Falls heute noch jemand das Zeitliche segnen sollte, müsst ihr halt teilen!“

Zum Leichenschmaus werden wir vom Pfarrer und seiner Gemeinde auf den „Wurstball“ in der nahen Gemeindehalle eingeladen, es wird deftig aufgetischt und eine Band spielt bayrische Blasmusik, verkehrte Welt in Brasilien. Danke und gute Nacht, die Nacht ist jedenfalls totenstill und wir schlafen wie die Engelchen. Die nächste Übernachtung in einem solchem Gebäude darf gerne noch 70 Jahre auf sich warten lassen, danke.

New York. Nein, wir sind in Brasilien.

New York. Nein, wir sind in Brasilien.

Neuer Tag, neue Strecke, neue Leute, neue Region, neuer Schlafplatz. Bei einer Reise mit dem Fahrrad gleicht kein Tag dem Andern, es kommt wie es kommt und meistens werden wir dabei positiv überrascht. Der finale Countdown läuft nun endgültig, 27.000km sind inzwischen Geschichte, Wahnsinn! Sind es tatsächlich nur noch 2 Wochen, nur noch knapp 1200 km bis Rio? Klar hängt auch bei uns manchmal der Haussegen schief und es fallen unüberlegte, böse Worte, aber im Grunde ist jeder von uns froh diese Reise zu dritt angegangen zu sein, Erlebnisse geteilt zu haben und nicht alleine durch die Weltgeschichte zu radeln.

Kurz vor Florianopolis wechseln wir das Bundesland und  radeln in „Santa Catarina“ weiter , die Sonne gewinnt nun endlich an Oberhand. Klausinho kennt viele Leute entlang der Strecke und kann so die ein oder andere tolle Übernachtungsmöglichkeit für uns abklären, die Nächte in der Natur sind noch recht frisch, daher sind wir froh über jedes kostenloses Angebot ausserhalb vom Zelt.

2016-07-20 13.47.08

Tolle Strände gibt es rund um Florianópolis.

So, jetzt sind wir also in Florianopolis (auch Floripa genannt) angekommen und geniessen „another day in paradise“ oder auch zwei, auch hier werden wir von Klaus durch die City geführt und erkunden die atemberaubende Halbinsel mit ihren zahlreichen Lagunen und traumhaften Stränden. Hier wird aus dem zwischenzeitlichen Quartett wieder unser gewohntes Trio, danke Klaus fürs mitfahren und wir sehen uns in Deutschland wieder, Tschüss Floripa!

2016-07-19 09.55.24

Noch 14 Tage bis zum Beginn der Olympischen Spiele.

Jetzt steht also der letzte Abschnitt unser gemeinsamen Reise nach Rio an, den nächsten Bericht gibt es live von den Olympischen Spielen 2016, live aus dem Herzen Rio de Janeiros. Wir freuen uns sehr auf die Stadt, nach so langer Zeit auf den Rädern sehnen wir uns aber auch auf die 18 Tage Auszeit in Rio und auf „normale“ Kleidung, einen „normaleren“ Tagesablauf…auf normale Dinge eben welche uns nach der Tour erwarten, wie lange wir das aushalten? Schau mer mal!!

Wer Lust hat findet uns unter „Trio for Rio“ auch auf Facebook, dort gibt es immer wieder kleiner Zwischenberichte und Angaben zum aktuellen Standort.

Vielleicht erbarmt sich ja doch noch ein großzügiger, edler Spender und wir können die Athleten live in den olympischen Wettkampfarenen anfeuern. Tickets werden weiterhin gerne angenommen.

Momentan deutet alles auf einen „just in time“-Einlauf zum Startschuss der Spiele am 5. August hin, es bleibt also spannend die nächsten Wochen.

Mit sportlichen Grüßen,

Julian, Nico und Sandro.

Mehr Bilder gibt es in unserer Galerie.

Mexiko No. 3 – Gringos, „muchas montañas“, 24h Kino & der Traum von Kuba

Mexiko
DCIM100GOPROGOPR3599.

Egal wo man hinschaut, Acapulco ist umzingelt von Bergen.

Acapulco möchte uns nicht gehen lassen und stellt uns neben enormen Stadtverkehr auch einige Berge als Hindernis auf. Da die Stadt eingekesselt von schützenden Hügeln liegt, sind die ersten 20 Km eine echte Herausforderung, welche uns letztendlich aber auch nicht stoppen kann. Der altbekannte Highway Mexico 200 treibt uns weiter in den Süden, nebenbei machen wir die 12.000 Kilometer voll. Die Strasse ist eng und dicht befahren, wir versuchen die Abenddämmerung und die Dunkelheit im Allgemeinen eher zu meiden, einige Male missglückt dies und wir fahren die letzten Kilometer mit erhöhter Aufmerksamkeit und gesteigertem Puls.

DSCF3685

Pause am Strand, wir ahnen noch nicht was auf uns zukommt…!

Wir strampeln durch saftig grüne Landschaft, vorbei an Feldern auf welchen Mangos, Bananen, Papayas, Mandarinen und andere exotische Früchte wachsen. Gerade in den kleinen Ortschaften werden wir sehr freudig begrüsst, Kinder kommen angerannt, begrüßen uns mit „Gringo oleole“ (Gringo = Fremder/Ausländer) bestaunen unsere Bikes oder schnorren sich ein paar Pesos. Das Leben spielt sich draussen ab, der Metzger schlachtet auf der Strasse, gekocht wir auf offenen Feuerstellen, Wäsche wird im Fluss gewaschen, Frauen balancieren Essen oder Einkäufe auf dem Kopf, es ist ein „24-Stunden-Film“ in welchem wir uns live befinden und wir nie genau wissen was als nächstes passiert.

Ab Cuajinicuilapa ist der Highway 200 ein einziges Auf und Ab, wir steigen und fallen, fahren Flusstäler hinunter und geniessen tolle Ausblicke von zahlreichen Gipfeln. Viele Autofahrer scheinen ihren Führerschein in der Lotterie gewonnen zu haben, zahlreiche Kreuze am Strassenrand sind stumme Zeugen von Übermut, fehlender Sicherheit, totaler Überladung, Einfluss von Alkohol oder einfach menschlichem Versagen.

In Puerto Escondido haben wir die wärmste Nacht, auch nach Mitternacht fällt die Temperatur nicht unter 30 Grad und die Schwüle raubt uns den dringend benötigten Schlaf, bei Nico und Sandro kommen noch Magenprobleme hinzu, es ist die Hölle.

Mexiko ist Taco-Land, überall gibt es die kleinen gefüllten Teigtaschen, inzwischen ist allerdings das Brathühnchen zur unserer Leibspeise geworden. Wo der Deutsche morgens um halb zehn sein Knoppers isst, geniessen wir, ob morgens, mittags oder abends Hühnchen, eindeutig gewinnt hier der Mexikaner.

DSCF3695

Überreste eines der vielen toten Tiere am Straßenrand.

Traurig sind wir über die vielen toten Tiere im Strassengraben, gerade an toten Hunden fahren wir extrem oft vorbei. Unsere komplette Reise sind wir mit überfahrenen Tieren konfrontiert, ob Hase, Bär, Schlange, Kuh, Esel, Katze, Dachs, Echsen oder eben Hunde, inzwischen ist unsere Liste verschiedenster Tierarten lang und traurig. Schon hunderte Meter vorher kommt der üble Verwesungsgeruch an und es kostet Überwindung die zerfetzten Kadaver zu passieren.

Die Mexikaner sind echte Umweltschweinchen, der viele Müll im Strassengraben lockt wiederum Strassenhunde an, welche uns hinterher jagen um ihr Revier zu verteidigen. Bislang gingen solche Begegnungen immer gut aus und wir sind froh über unsere zuverlässigen Tx-1000 Räder. welche in solchen Situationen nie gestreikt haben.

Die Ortschaften sind jetzt weiter auseinander und so fahren wir in 10 Tagen weit über 1000 Kilometer, obwohl das Streckenprofil eher kürzere Tage einfordert. In Salina

DCIM100GOPROGOPR3665.

Wilde Mexikaner….Parade in Salina Cruz.

Cruz haben wir endlich den ersehnten kurzen Tag, legen die Füsse hoch, bestaunen eine Schulparade welche an Fasching erinnert und geniessen das Leben in dem kleinem  Küstenstädten. Mit Salina Cruz verlassen wir den 200er und fahren erst auf dem 185er, später auf dem 190er weiter. Wir kommen durch einen riesigen Windradpark, dementsprechend windig werden uns die Tage hinter Salina Cruz in Erinnerung bleiben.

Die Grenze zu Guatemala ist nah, nur noch knapp 300Km trennen uns, aber wir treffen eine Entscheidung. Obwohl wir keinerlei konkrete Hinweise auf eine Fährverbindung zwischen Mexiko und Kuba haben, entscheiden wir uns für den

DCIM100GOPROGOPR4086.

Gibt es eine Fähre nach Kuba oder nicht… es bleibt die Ungewissheit!

knapp 1200 Kilometer Umweg. Die Mexikaner machen uns wenig Hoffnung, die Aussagen sind sehr widersprüchlich und ändern sich scheinbar von Tag zu Tag und von Region zu Region, allerdings ist die mehrheitliche Meinung ein eindeutiges „Nein!“. Die Hafenbehörde, welche wir kontaktiert haben, gaben ebenfalls ein negatives Feedback. Auch im Internet oder andere Informationsquellen geben nichts klares über eine mögliche Fährverbindung zwischen den beiden Staaten her. Von der Westküste wollen wir also Mexiko komplett durchqueren um an der Ostküste unser Glück zu versuchen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, notfalls rudern wir rüber….Viva la Revolution!!!

Die Entscheidung „pro Kuba“ ist auch eine Entscheidung für die Berge, wir steigen an manchen Tagen über 2300 Höhenmeter, es ist eine extreme physische und psychische Herausforderung, der Highway 190 schlängelt sich gemütlich die Berge rauf und wir verzweifeln, mit 5-7 kmh, an den endlosen Serpentinen. In den Bergregionen lebt eine andere Schlag Menschen, wir werden skeptisch beobachtet und die Menschen sind wesentlich verschlossener als an den Küsten. Der Nebel, der dichte Wald und die wenigen Siedlungen gibt dem ganzen Unterfangen eine mystische Note.

DSCF3798

Dichter Nebel hängt in den Bergen. Erst auf 2400 Metern reisst der Himmel auf.

Nach zahllosen Stunden am Berg sind wir über den Wolken und finden in San Cristobal eine tolles, verwinkeltes, freundliches, buntes und historisches Bergstädtchen, perfekt für einen Ruhetag. Geprägt von zahlreichen Kirchen, kleinen

DCIM100GOPROGOPR4062.

Traditionelles Leben in San Cristobal.

Häuschen, schmalen Gassen liegt San Cristobal eingebetet von (noch höheren) Bergen auf 2150m und könnte auch ein italienisches oder spanisches Bergdorf sein. Die Menschen hier in den Hochebenen sind scheinbar noch gläubiger wie im restlichen Mexiko, allgemein werden wir oft in Gebete aufgenommen oder es wird uns ein gesegneter Weg gewünscht, ein gutes Gefühl.

In den Bergen machen wir, am 212 Tag, unsere 13.000 Km voll, also noch gut 1000 Km bis uns Fidel Castro in Kuba mit Zigarre und Rum begrüssen darf.

Nach San Cristobal erreichen wir nach kurzem, aber knackigem Anstieg mit 2400m den ersehnten Pass. Gezäumt von Tannen, grossen Weiden und vielen Bergen könnte die Strasse auch die Schwarzwaldhochstrasse sein, der Nieselregen, die tiefen Wolken und die kühlen Temperaturen zeigen uns jedenfalls ein, bislang, unbekanntes Mexiko.

Die restliche Strecke bis Palenque (aktueller Standort) auf dem Highway 199 auch „Maya-Route“ genannt, ist ein Traum, wir haben viele längere Abfahrten und fallen auf

DCIM100GOPROGOPR4240.

Palenque, die Heimat der Mayas.

knapp 100 Höhenmeter. Die Tannen weichen schon bald einem endlosem Regenwald und wir sind schlicht beeindruckt von der puren Schönheit der Natur. Wasserfälle, Schluchten, Täler, exotische Tiere und eine endlose grüne Landschaft bleiben uns lange in Erinnerung. Dank der vielen Bremshügel hier „Topes“ genannt, müssen wir alle paar hundert Meter abbremsen, daher ist bei jeder Abfahrt höchste Konzentration gefragt. Dir Bremshügel ersetzten Ampeln, Zebrastreifen und Schilder, sind äusserst effektiv und es gibt tausende von diesen circa. 20 cm hohen, nervigen Hügelchen.

In Palenque feiern wir unser „7-monatige Reise“ und begutachten an einem weiteren Ruhetag die weltberühmten Maya Ruinen. Die Mayas waren Baumeister und Künstler zugleich, sehr beeindruckend was diese tolle Kultur vor knapp 1300 Jahren hier, im mexikanischen Regenwald, erbaut hat. Natürlich ist auch der  Pauschaltourist nicht weit, über genügend Besucher kann sich die Region zumindest nicht beschweren, der Massentourismus ist angekommen und schockt uns einwenig.

Unsere Räder  beweisen sich als absolut bergtauglich und meistern jede Herausforderung mit Bravur, danke an die Fahrradmanufaktur welche uns mit den Tx-1000 Rädern toll unterstützt. Unser Merinowäsche von Kaipara können wir nur jedem Reisendem empfehlen, egal bei welchem Wetter, egal welche Klimazone, wir fühlen in den bequemen, stylischen, und funktionellen Klamotten pudelwohl. Dank unserem Partner GoalZero geht unseren Batterien und anderen Gerätschaften, selbst am Berg, nie die Energie aus, mit den Solarpanels sind wir unabhängig und können die Natur noch intensiver geniessen.

Wir wünschen eine schöne, besinnliche Advents- und Weihnachtszeit. Auch die Mexikaner bereiten sich auf Weihnachten vor, für uns fühlt sich das allerdings, bei tropischen Temperaturen und Palmen, seltsam an.

Sonnige Grüße,

Julian, Nico und Sandro.

Weitere Bilder gibt es in unserer Galerie.

DCIM100GOPROGOPR3821.

Mexikanischer Weihnachtsbaum.