Italien II – Schweiz – Deutschland (2) – Schwabenland

Deutschland, Italien, Schweiz
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Der Genfer See in der Schweiz, unser Land Nr. 29.

In Turin muss eine Entscheidung her, die Wolken hängen tief, es regnet und die Temperaturen werden stündlich kühler. Die Schneefallgrenze hatte sich bei knapp über 1000m eingependelt, keine tollen Aussichten auf unsere bevorstehende Alpenüberquerung. Wie es der Zufall so will kommen unsere Eltern gerade mit ihrem Wohnmobil aus dem jährlichen Griechenland-Urlaub. Kurzerhand nehmen die Beiden einen längeren Umweg in Kauf und laden uns samt Rädern ein. Wir werden also über die Alpen chauffiert, wer über 280.000 Höhenmeter in den Beinen hat, darf sich diesen Luxus mal gönnen. Das Felsmassiv der Alpen und die gigantischen Schluchten sind beeindruckend, wir geniessen dieser Eindrücke aus für uns ungewohnter Perspektive, vom Beifahrersitz aus. Am Genfersee haben wir die kritische Region hinter uns und es geht bei, weiterhin kühlen, Temperaturen wieder per Rad weiter durch unser Land Nr. 29.

Nachts wird es sehr kalt, doch Hotels sind viel zu teuer. Deshalb zelten wir.

Gleich die erste Nacht in der Schweizer Wildnis wird eine der kältesten unserer gesamten Reise, der ständige Nieselregen in den folgenden nächsten Tagen macht die Sache nicht besser. Mit steifen Gliedern und tauben Fingern kämpfen wir uns am Genfersee entlang bis Lausanne. Die Schweiz ist unverhältnismäßig teuer, so beschliessen wir absolut low-budget durch die Alpenrepublik zu radeln und möglichst kein Geld auszugeben. Unsere Zeltnächte am kristallklaren Genfersee sind zwar bitterkalt, dafür glitzern die Sterne am Himmel um die Wette. Einen schöneren nächtlichen Ausblick hat man aus den protzigen Villen rund um den See sicher auch nicht.

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Zufällig kommen wir beim IOC vorbei. Begeistert erzählen wir von unserer Reise und stossen auf taube Ohren.

In Lausanne sitzt der IOC (Internationales Olympisches Komitee), mit unserer Geschichte im Gepäck dürfen wir kostenlos ins Olympia Museum. Ansonsten zeigen sich die Anzugträger wenig beeindruckt von unserer Reise zu den Olympischen Sommerspielen 2016, den eher biederen Eindruck und das steife Image des IOC behalten wir daher bei.

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Minus 3 Grad. Warm anziehen und auf die Zähne beißen.

Der strahlend blaue Himmel täuscht etwas, die Luft ist zwar klar aber die Kälte ist schneidend. Wir verabschieden uns vom größtem See der Schweiz mit dem Ziel Bern, der Hauptstadt des Landes. Die Kilometer ziehen sich, der Wind bläst von vorne und die Temperaturen fallen auf zapfige 5-7 Grad, in der Nacht sind wir unter dem Gefrierpunkt. Frederic und Adriana haben Mitleid und nehmen uns für eine Nacht auf, die Schweiz ist zwar teuer, aber die Menschen haben ein großes Herz. In den nächsten Tagen werden wir häufig zum übernachten, zum aufwärmen oder zum Abendessen eingeladen, danke.

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Bern. Eine sehr schöne Stadt. Foto: Stelian Pavalache.

nDie Schweiz macht ihren Klischees alle Ehre. Auf den Weiden bimmeln die Kühe vor sich hin, Käsereien gibt es wie Sand am Meer und es geht natürlich (nur) auf und ab. Ab Bern wir wieder deutsch gesprochen, wir brauchen eine Weile bis wir aufhören automatisch auf Englisch zu antworten. Mit der Schweiz waren wir jetzt übrigens in allen 4 Ländern in welchen Deutschland Fussball-Weltmeister wurde, alle 4 Länder auf dieser Reise, alle wurden mit dem Rad erobert. Andere sammeln Pokemon’s mit ihren Smartphone’s, wir sammeln WM-Sterne mit dem Fahrrad. Mission erfolgreich gemeistert.

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Ranjit Singh Masuta lädt uns zum Essen und Übernachten ein. Vielen Dank.

Die Schweizer beeindrucken uns mit ihrer lockeren Art und ihrem wunderbaren Dialekt. Mit Malika, Cyrille und der bunten Großfamilie von Ranjit Masuta und einer Frau Uma Shakoor haben wir umwerfende Menschen mit z.T. unglaublichen Lebensgeschichten kennenlernen dürfen und hatten jede Menge Spass. Ranjit und seine  Familie retten uns vor einer kalten Regenacht, wir werden in ihr „Hotel Langenthal“ und ihr indisches Restaurant eingeladen, grossartige Menschen treffen wir dort in einem tollem Naturparadies. Julian bleibt sich treu und die Plattfußstatistik wird weiter fleissig ausgebaut, geschlagene 40(!!!) Plattfüsse stehen bereits in der Statistik, Nico liegt gerade mal bei der Hälfte und damit bei 20.

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Deutschland ist in Sichtweite. Hier am Dreiländereck in Basel.

Auf dem Weg nach Basel heisst es: Jacke an, Jacke aus, das Herbstwetter weiss anscheinend selten was es will! Andreas von der Basler-Zeitung lädt uns in seine Stadt ein, seine Frau On-Uma bekocht uns königlich. Die Basler-Zeitung bekommt ein Interview und wir eine tolle Stadttour durch die Altstadt bis hin zum Dreiländereck. Übrigens haben wir es geschafft und in der Schweiz kein Geld liegen lassen. Als Belohnung für uns Durchhaltevermögen gönnen wir uns allerdings am letzten Abend ein Fussballspiel zwischen dem FC Basel vs. Luzern, tolle Stimmung. Erwartungsgemäss gewinnt Basel mit 3-0, so lassen wir kurz vor der deutsche Grenze doch noch Geld liegen, mit umgerechnet 2,14€ p.P/Tag zählt die Schweiz aber zu unseren billigsten Reiseländern. den Artikel der Basler-Zeitung findet man hier: Zeitungsartikel in der BZ

Am Tag 539 radeln wir also wieder über deutschen Boden, die Sonne begrüßt uns mit einem herrlichem Herbsttag. Beinahe könnte man meinen die Heimat hätte uns vermisst und strahlt vor Freude als wir gen gigantischen, aber dennoch gemütlichen Rhein entlang rollen.

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Mit Sonnenschein pur empfängt uns Deutschland wieder.

Die erste Nacht auf deutschem Boden wird natürlich gezeltet, der Sprung in den Rhein ist ein kühle Angelegenheit und wir kriechen sofort in unsere dicken Daunenschlafsäcke. Am nächsten Tag wechseln wir mehrmals zwischen Deutschland und der Schweiz hin und her, je nachdem welche Rheinseite den besseren Radweg bietet. Spätestens als wir unser „Schwäbisches Meer“ bzw. den Bodensee erreichen, wird klar: Wir sind zurück!!!!! Die Heimat hat uns wieder und es gibt auch gleich einen weiteren Grund zu feiern, die 32.000km unsere 20.000Meilen sind voll, was für eine Zahl.

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Das „Schwäbische Meer“, der Bodensee.

In Konstanz werden wir von Jelena mit einem gigantischen Maultaschen-Essen begrüßt, 11 Maultaschen pro Kopf werden verdrückt. Am nächsten Tag gehts zur Tante und Onkel auf die andere Seeseite, wir werden herzlich begrüßt und es ist ein geschichtenreiches Wiedersehen. Auf dem Weg in unsere Geburtsstadt Tübingen warten mehrere Zeitungen auf uns und wollen Details zu unserer „kleinen“ Rundreise wissen. In Sigmaringen werden wir von Timo beherbergt, in Dusslingen übernachten wir bei Yvonne und Daniel nach unserem gratis Haarschnitt von “Rösener Schnittpunkt“ und unsere Schwester begrüßt uns in ihrem Häuschen in Nehren.

Tübingen ist die erste Stadt auf unserer Tour welche wir zweimal besuchen, hier schliesst sich der Kreis. Die Lokalpresse wartet, das SWR-Radio fängt uns vor dem Rathaus ab und von den Radio-Kollegen von „Das Ding“ werden wir interviewt und gefilmt. Weiter geht es nach Rottenburg, hier sind wir zu Schule gegangen, das „Schwäbische Tagblatt“ ist vor Ort und das Eiskaffee „Rino“ spendiert neue Fahrradtrikots und Radelhosen, was für ein Empfang bei Sonnenschein und milden Temperaturen!

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Was ein Empfang. Vielen Dank!

Ganz grosse Kino erwartet und in unserer Heimatgemeinde Hailfingen. Familie, Freunde, Nachbarn und Neugierige erwarten uns in unserer Rosengartenstraße. Die Ortsvorsteherin Sabine Kircher und der Rottenburg Bürgermeister Thomas Weigel beglückwünschen uns, unzählige Hände wollen geschüttelt werden und unsere Geschichte wir bis zur Heiserkeit erzählt. Es ist der absolute Wahnsinn, danke an alle die vor Ort waren, danke für die vielen Leckereien und die wunderbaren Plakate. Es war uns eine Ehre!! Die Party geht bist spät in die Nacht und auch der folgende Samstag wird mit Familie und Freunden durchgefeiert, es ist gleichzeitig Vater’s 66. Geburtstag.

Den Artikel vom Tagblatt gibt es hier.

Wir hatten keine Vorstellung was alles zwischen Tübingen und Rio liegt und passieren wir, jetzt sind wir um eine großartige Erfahrung reicher. Wir sind froh ohne Reiseführer gereist zu sein und wenig über die jeweiligen Länder gelesen zu haben. So haben wir viel mehr über Land und Leute erfahren. Wir waren offen für neues und haben so authentische Einblicke in den Alltag der Menschen bekommen.

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32213 Kilometer. Vielen Dank an euch alle für eure Unterstützung! Helft uns jetzt bei unserem Film-Projekt! Danke.

Wie geht es weiter? Am Dienstag, den 25.10.2016 sind wir um 18.30Uhr live beim SWR in Stuttgart bei der Landesschau. Dort stellen wir auch unser Crowfunding-Projekt vor, unser Traum vom Film lebt und wir brauchen Eure Unterstützung. Danke!!

Danach radeln wir nach München weiter, die Preysingstraße 19 sollten wir am 31.10.2016 gegen 16h erreichen. Wir freuen uns auf Euch!

Danke für den grossartigen Empfang im Schwabenland! Ein Traum, ein Ziel, alles Kopfsache!!!!

Mit sportlichen Grüßen,

Julian und Nico.

Weitere Bilder findest Du in unserer Galerie.

Peru III – Lima – Machu Picchu – Cusco

Peru
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City-Tour mit Jesus und Marino.

Bevor wir die Hauptstadt Perus und damit Lima wieder verlassen lernen wir Jesus und Marino kennen, die zwei sind waschechte Hauptstädter und geben und uns eine gratis Tagestour durch ihre wunderbar restaurierte Altstadt und Miraflores, einem eher exklusiven Stadtgebiet direkt am Strand wo sich die Reichen und Schönen niedergelassen haben und die jungen Surfer sich in die Wellen stürzen und an der Promenade flanieren.

Dünen bis zum Horizont.

Dünen bis zum Horizont.

Die unendliche, zähe Wüste vor Lima hat uns eigentlich gereicht, trotzdem entscheiden wir uns für einen Ausflug nach Ica, Ica liegt wieder mitten in der Wüste am Rande des Nationalparks „Reserve Nacional de Paracas“. Zahlreiche Attraktionen hat die Gegend zu bieten welche wir uns nicht entgehen lasen wollen. So bewundern wir die „Laguna de Huacachina“, wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen plötzlich nach Nordafrika versetzt worden zu sein. Die Oase ist wie ein Traum aus 1001 Nacht, Dattelpalmen und orientalisch anmutende Gebäude versetzen uns in eine andere Welt. Danach ist Aktion pur angesagt, wir üben uns im Sandboarden und wedeln die bis zu 80m hohen Dünen auf unseren Sandboards hinunter, die Tour mit dem Strandbuggy über die Sandberge ist ein Erlebnis für sich und eine willkommene Abwechslung zu unserem Fahrradalltag. Die gigantischen Sanddünen erstrecken sich bis zum Horizont und der eintretende Sonnenuntergang beschert uns beinahe magische Momente in mitten der Sahara.…ähhh Wüste Perus.

Laguna de Huacachina.

Laguna de Huacachina.

Sandboarden, mal was anderes wie radeln.

Sandboarden, mal was anderes wie radeln.

Mit dem Bus geht es zum Ausgangspunkt für unsere nächste Etappe, Ayacucho liegt mitten in den Anden und ist Ausgangsort für unsere Tour zur sagenumwobenen Inkastätte Machu Picchu. Bislang in ganz Peru waren die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht extrem und das Wetter unberechenbar. Tagsüber droht ständig der Sonnenbrand und sobald die Dämmerung eintritt wird es schnell unangenehm kühl, hier in den Bergen ist es natürlich noch extremer und wir sind froh über unser dicken Schlafsäcke in der Nacht und warme Kleidung wird gebraucht.

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Markt in Ayacucho.

Ayacucho liegt nicht unbedingt auf der Route vieler Touristen, wir sehen zumindest kaum „Gringos“ (Ausländer) und geniessen daher ein sehr authentisches peruanisches Leben. 33 (!) Kirchen hat die kleine aber feine koloniale Stadt zu bieten, viele Märkte locken mit allerlei leckeren Sachen und viel Trödel, wir bewundern die Bergbewohner in ihren traditionellen Trachten und Gewohnheiten. Die zahlreichen Tuk-Tuks und die vielen kleinen Garküchen am Strassenrand erinnern ein wenig an Thailand, auch die Menschen haben asiatische Gesichtszüge und das Lächeln Asiens im Blut.

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Gipfelkreuz auf 4264 Metern.

Wir bereiten uns auf eine zähe, lange Etappe vor, Machu Picchu ist das Ziel. Wir steigen und fallen, auf der 28B sind wir ein Spielball der Anden, die Räder scheinen mit gewonnener Höhe an Gewicht zu zulegen und die Luft wird immer dünner. Wir meistern Pässe mit bis zu 4264m hier wiegen die Bikes plötzlich 3-4 x soviel wie sonst und wir bekommen Luft wie durch einen Strohhalm, das Blut rauscht in den Ohren und das Herz pumpt auf Hochtouren. Die Aussicht ist dafür gigantisch und wir können uns kaum sattsehen, Berge, Schluchten, Täler so weit wir blicken können, einfach eine atemberaubende Landschaft welche sich uns hier offenbart. Unseren größten Respekt verdienen sich die Bergbauern, welche hier ihre Felder bearbeiten und natürlich die Kräuterfrauen, welche entlang der Strecke diverse Bergkräuter sammeln.

Claudia und Martin sind seit mehr als 3 Jahren mit ihrem VW-Bus unterwegs.

Claudia und Martin sind seit mehr als 3 Jahren mit ihrem VW-Bus unterwegs.

Die einzigen Touristen welche wir auf dieser Tour treffen sind Martin und Claudia aus der Schweiz, welche in ihrem VW-Bus nun knapp 3 Jahre unterwegs sind , die Beiden halten uns für total bekloppt. Zitat Martin: “Wir fahren jetzt schon seit Tagen durch diese gottverlassenen Berggegend, die Autofahrer sind absolut Geisteskrank, die Strassen schmal und teilweise bis zu 70km Schotter, die Distanzen gross, die Abhänge selbstmörderisch und ihr wollt hier durch? Das ist verrückt, absolut verrückt! Nehmt lieber den Bus!!“ Naja, wir fahren weiter und kämpfen uns tapfer vorwärts, Rom wurde ja auch nicht an 2 Tagen erbaut und wir haben Zeit eingeplant. Tatsächlich empfinden wir die peruanischen Autofahrer aber auch als extrem nervig. Eigentlich sind die Peruaner ein recht freundliches, hilfsbereites und offenes Volk, sobald diese aber hinter einem Steuer sitzen geben sie gleichzeitig mindestens die Hälfte ihres IQ’s ab und werden zu primitiven, nervigen, respektlosen und permanent hupenden Primaten.

Koka-Blätter am Strassenrand.

Koka-Blätter am Strassenrand.

Je weiter wir uns in die Berge vorkämpfen, desto mehr werden wir wie Astronauten oder gar Ausserirdische bestaunt. Viele Touristen sind in dieser Gegend noch nicht gesehen worden, zumindest nicht welche auf dem Rad. Ständig bekommen wir Kokain, Marihuana und diverse andere Aufputschmittel angeboten, ein sicheres Zeichen wir nähern uns der „Roten Zone“, selbstverständlich sehen wir jedesmal ab. In dieser Gegend werden Perus Drogen angebaut, schwergewaffnete Milizen kommen uns auf ihren Trucks entgehen, die Polizei warnt uns vor Überfällen und die Einheimischen schütteln den Kopf, nach 4-5 Tagen ist aber auch diese Region passé und es wird wieder gemütlicher.

80 Kilometer Abfahrt. Das haben wir uns hart erarbeitet.

80 Kilometer Abfahrt. Das haben wir uns hart erarbeitet.

Fluss durchqueren, was ein Spass. Bei Nacht aber sehr schwierig.

Fluss durchqueren, was ein Spass. Bei Nacht aber sehr schwierig.

Wir fallen, nach einer gigantischen ca. 80km Abfahrt, auf unter 800m und finden uns im peruanischen Regenwald wieder. Dieser macht seinem Namen alle Ehre und es schüttet wie aus Kübeln, bei den z.T. unasphaltierten Strassen gleicht das einer Rutschpartie, die Räder und wir sehen danach aus wie Wildschweine nach einem ausgiebigen Schlammbad. Wir sind auf der Suche nach der Inkastätte Machu Picchu und da muss man auch schon mal unangenehme Wege gehen und Opfer bringen und so kommen wir zu einem neuem Reiserekord. Mit 9.57 Stunden/Tag auf dem Rad stellen wir am Tag 381 unserer Reise einen neuen persönlichen Rekord auf, nicht einmal unserer Karte kennt diese Strasse und wir legen an diesem Tag zudem geschlagene 2657 (!!!) Höhenmeter zurück. Wir kommen in die Dunkelheit und müssen, mit der Konzentration und der Kraft am Ende, noch zahlreiche überflute Strassen überqueren. In einer Kneipe fragen wir nach einer Übernachtungsmöglichkeit und werfen uns todmüde auf den Lehmboden der kleinen Gaststätte, die Gäste an den anderen Tischen bekommen wir kaum noch mit.

Rio Urubamba, der heilige Fluss der Inkas.

Rio Urubamba, der heilige Fluss der Inkas.

Die PE-28B wechselt ähnlich wie das Wetter ständig ihr Gesicht, wir wissen einfach nie was uns hinter der nächsten Kurve erwartet oder was das Wetter in der nächsten Stunde für uns bereit hält. Was sicher ist, der Hintern brennt wie die Hölle und die Oberschenkel drohen zu platzen, nach einigen Tagen erreichen wir den „Rio Urubamba“, den heiligen Fluss der Inkas, ein erstes Zeichen wir sind auf dem richtigem Weg und unser Ziel rückt langsam näher. Die 22.000km sind inzwischen voll, die Menschen halten uns weiter für Spinner und die Fahrer der Minibusse haben z.T. in ihrem Berufsleben, nach eigener Aussage, noch keine Radler auf dieser Strecke ausgemacht. Wir dringen weiter in eine Geheimwelt ein, zumindest fühlen wir uns als wie wir die Menschen in ihrer Welt überraschen und wir deren Ruhe stören. Eigentlich kaum zu glauben, dass eine der Hauptattraktionen Südamerikas nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt ist. Touristenmassen werden von der andern Seit, von Cusco aus, mit Bussen, Zügen und Taxis zum Machu Picchu gekarrt. Und hier, nichts! Nur Einsamkeit, Berge und Natur.

Erst kurz vor Quillabamba findet sich die Straße auch auf unserer Karte wieder, die Schlagzahl der mit Touristen vollgestopften Minibusse nimmt schlagartig zu, ein weiters Zeichen wir kommen unserem Etappenziel näher. In unserer Mittagspause besuchen wir die Wasserfälle „Siete Tinajas“ (7 Wasserfälle) und ernten viel Bewunderung über unsere Tour in den letzten Tagen. In Quillabamba erleben wir zufällig am Pfingstsamstag eine große bunte Parade, welche dem heimischen Karneval doch sehr nahe kommt, die Lebensfreude der Menschen ist ansteckend und so bewundern wir das Spektakel.

Steiler Abhang auf dem Weg nach Santa Teresa.

Steiler Abhang auf dem Weg nach Santa Teresa.

Der letzte Radtag bevor wir die Inkastätte erreichen hat es nochmals in sich. Wir wechseln auf die Schotterpiste 107, die Straße ist extrem eng und der Abgrund auf der linken Seite erlaubt keine Fahrfehler, jeder Fehler ist hier mit ziemlicher Sicherheit auch der Letzte. Der Ausblick auf die mit Schneebedeckten Gipfel der Berge ist gigantisch und geben der Region ihre Magie. Plötzlich hört der Weg auf, 10 km vor dem Ziel gibt es keinen Weg mehr!!!! Nur noch der, irrsinnig teure Zug fährt die letzten Kilometer, nicht mit uns!!!

Entlang der Gleise bis nach Machu Picchu.

Entlang der Gleise bis nach Machu Picchu.

Wir schleichen uns aufs Gleisbett, holen uns eine „Sondergenehmigung“ bei einem Wachmann, welcher uns müde viel Glück wünscht, und fahren die letzten Kilometer an den Schienen entlang, auf den Brücken gleicht dies einem Balanceakt und wird zur Zirkusnummer, aber nach 2 weiteren Stunden haben wir es tatsächlich geschafft.

Geschafft. Mit dem Fahrrad bis nach Machu Picchu Village.

Geschafft. Mit dem Fahrrad bis nach Machu Picchu Village.

WIR SIND ZUM MACHU PICCHU GERADELT!!!

In vielen Foren für Radfahrer, heisst es dies sei nicht möglich. Wir haben das Gegenteil bewiesen, haben Berge versetzt und unser Ziel erfolgreich erreicht.

Machu Picchu. Ein magischer Ort.

Machu Picchu. Ein magischer Ort.

Am nächsten morgen, es ist Pfingstmontag, um 4.30h machen wir uns auf den Weg um die antike Machu Picchu Stadt zu erobern. Unser Konzept geht auf und noch vor Sonnenaufgang sind wir oben und haben einen einmaligen Blick auf die eindrucksvollen Ruinen der Inkas. Frühmorgens liegt die Felsenstadt im weichem Licht der aufgehenden Sonne malerisch vor uns, diesen majestätischen Anblick werden wir niemals vergessen. Natürlich gehört das ganze Gebiet inzwischen zum UNESCO – Weltkulturerbe, Forscher sind sich einig das die Stadt bereits zur Anfangszeit der Inkas erbaut wurde. Wir setzen noch einen drauf und wandern auf den Machu Picchu-Mountain, der steile Anstieg lohnt sich wir stehen jetzt ca. 600m über den Ruinen und geniessen bei blauem Himmel und Sonnenschein eine 360°C Panoramaaussicht und lassen uns die mitgebrachte Brotzeit schmecken. Schon beim Abstieg wird klar, der klassische

600m über Machu Picchu. Was eine Aussicht.

600m über Machu Picchu. Was eine Aussicht.

Pauschaltourist ist inzwischen auch angekommen und schiebt sich durch die Ruinen. Zahlreiche Alpakas werden als natürliche Rasenmäher eingesetzt, gegen unsere Merino-Shirts von Kaipara sehen aber selbst diese alt aus. Wir geniessen den Moment und Drehen noch eine Runde durch das ursprüngliche Dorf bevor wir den Abstieg auf einem der Inka-Trails angehen.

Am nächsten morgen geht es den gleichen Weg zurück, auf den 10km entlang der Gleise regnet es wie verrückt. Schon nach wenigen Metern sind wir pitschnass und wir schlittern und rutschen die Gleise entlang. Wir lachen uns aber insgeheim ins Fäustchen, gestern hatten wir strahlenden Sonnenschein und konnten unseren Wanderausflug in vollen Zügen geniessen und heute regnet es Bindfäden. Die Götter der Inkas waren mit uns!! Wenigstens können die Touristen auf dem Berg, welche ausschauen wie direkt dem Outdoor-Katalog entsprungen, heute ihre Funktionskleidung gut testen.

Im strömenden Regen gehts zurück nach Santa Teresa.

Im strömenden Regen gehts zurück nach Santa Teresa.

Unten angekommen geht es aber auch für uns vorerst nicht weiter. Die Schottenpiste ist komplett aufgeweicht, Matschfelder und Schlammlawinen machen den Weg heute zur Albtraumstrecke. Zudem sind Sandro’s Bremsen inzwischen komplett blank. Wir sind kein Himmelfahrtskommando und die Abfahrten hier ohne Bremsen kommt einer Kamikaze – Fahrt gleich und macht, speziell bei Regen, absolut keinen Sinn. Lange Rede, kurzer Sinn, den Regentag verbringen wir in einem Allrad-Minibus und lassen uns nach Cusco fahren. Die Beine danken es uns und wir sind kaum eingenickt da wirft uns der Fahrer schon in der Hauptstadt er Inkas raus. Hallo Cusco!!

Cusco, eine tolle historische Stadt.

Cusco, eine tolle historische Stadt.

In Cusco haben wir genau 22.222 km auf dem Tacho und freuen uns auf 2 Tage Auszeit von Bergen, Tälern und Schluchten. Einst war Cusco die Hauptstadt und der Herz des Inka-Imperiums, der „Nabel der Welt“ wie die Inka ihre Stadt nannten. Laut Aussagen anderer Reisenden ist Cusco heute nicht nur die wohl schönste und abwechslungsreichste Stadt Perus, sondern wegen ihrer historischen Bedeutung auch eine der interessantesten Südamerikas. Alte Inkamauern, prächtige Kolonialbauten und reich ausgeschmückte Kirchen erinnern an die bis heute mit Leben erfüllte Vergangenheit. Die Menschen und Märkte scheinen hiernach farbenfroher zu sein wie im restlichen Peru.

Sandro und Julian lassen ihre hintere Bremsanlage komplett austauschen, unsere ursprünglichen Bremsen sind so speziell, dass es in ganz Südamerika keinerlei Ersatzteile gibt. Unzählige Fahrradläden konnten uns nicht weiterhelfen, jetzt geht es eben mit einer komplett neuen Bremsanlage weiter durch die Anden. Hilft ja nichts, wir sind zwar kaum zu stoppen, trotzdem müssen auch wir mal bremsen.

So, wir hoffen die Sonne setzt sich inzwischen auch in Deutschland oder wo auch immer auf der Welt ihr uns verfolgt, flächendeckend durch und ihr geniesst den Wonnemonat Mai. Den nächsten Bericht gibt es vermutlich schon aus Bolivien, unserem Land Nr. 20. In circa 80 Tagen fällt dann auch schon der Startschuss in Rio und sowie es bislang läuft werden wir bei diesem wohl live vor Ort sein, natürlich mit dem Fahrrad.

Mit freundlichen Grüßen,

Julian, Nico und Sandro

Weitere Bilder findest Du in unserer Galerie.