Argentinien II – Paraguay – Brasilien I

Argentinien, Brasilien, Paraguay
Immer geradeaus. Keine Kurve in Sicht.

Pampa! Immer geradeaus. Keine Kurve in Sicht.

Unser „Pippi-Langstrumpf-Leben“ geht kunterbunt und abenteuerlich weiter, Pippi macht ja schliesslich auch was ihr gefällt. Die argentinische Pampa führt uns vorbei an gigantischen Mais- Weizen- und Baumwollfeldern welche sich bis zum Horizont erstrecken. Auch die endlosen Rinderweiden mit ihren wiederkäuenden Bewohnern können sich sehen lassen, an manchen Tagen fahren wir kilometerlang am selben Zaun entlang. Noch auf dem Highway „RN-16“ machen wir unsere 25.000km voll, der zunehmende Verkehr und der fehlende Seitenstreifen trüben dieses Jubiläum ein wenig. Aufmerksamkeit ist gefragt, gerade die LKW’s schieben uns oft in den Graben oder hupen bis die Ohren dröhnen. Am wievielten toten Hund wir auf unserer Reise schon vorbeigefahren sind? Wir wissen es selbst nicht, aber über 1000 (!!!) dürften es in dieser traurigen Statistik inzwischen doch sein. Leichen pflastern unseren Weg, andere Tierarten erhöhen die Zahl der toten Tiere natürlich noch deutlich.

Toller Zeltplatz in der Nähe einer Tankstelle.

Toller Zeltplatz in der Nähe einer Tankstelle.

Die vielen PKW’s und Trucks haben natürlich auch ihren Vorteil und ihre witzigen Seiten, oft wird das Fenster runtergekurbelt und wir werden mit Obst, Getränken und netten Gesprächen versorgt. Truckfahrer bremsen uns aus, steigen aus und wollen Selfies mit uns und das mitten im Berufsverkehr, verrückte Welt in Argentinien. Tankstellen sind unsere bevorzugten Zeltplätze, i.d.R. gibt es hier Wasser und eine Wiese, manchmal Wifi und der Tankwart hört gespannt unseren Erzählungen zu. Auch in unseren Träumen ist das Fahrrad, in welcher Form auch immer, präsent. Wer solange auf dem Rad sitzt wie wir, dem spielt das Unterbewusstsein gerne Streiche, immer wieder werden Situationen aus unserem Radalltag in unsere Träume äusserst realistische eingearbeitet.

Die Strasse geht tagein tagaus geradeaus, am Tag 9 in der Pampa kommt dann die Sensation!! Eine Kurve!!  Eine richtige, echte Kurve!! Unglaublich, wir biegen scharf links ab und fahren auf dem „RN-11“ weiter, dieser führt uns ohne Umwege in Richtung Paraguay.

Unbeirrt setzen wir unseren Weg bzw. „die längste Anreise ever-ever“ zum berühmtesten Strand der Welt, zur brasilianischen Copacabana fort. An manchen Tagen gehen wir mit der Dämmerung um 18Uhr ins Bett und sind erstaunt wie schnell 12 Stunden Nachtruhe vorbei sein können, aber Körper & Geist fordern ihre Auszeit und brauchen nach einem langem, schweisstreibendem Tag bei höchster Konzentration Ruhe und Entspannung.

Dauerregen in Argentinien. Unsere Zelte stehen unter Wasser.

Dauerregen in Argentinien. Unsere Zelte stehen unter Wasser.

Wir fahren an der argentinisch-paraguayischen Grenze entlang, nur noch der “Rio Paraguay“ trennt uns von unserem Reiseland Nr. 23. Das Wetter wird kurz vor Paraguay immer schlechter, starker Regen verwandelt unsere Zeltplätze in Schlammbäder und zerrt kräftig an den Nerven. In den Nächten werde wir von Donner & Blitz aufgeschreckt, an manchen Tagen halten unsere Zelte den sintflutartigen Regenmassen nicht stand und gleichen einem Swimmingpool. Da wir durch ein gigantisches Sumpfgebiet fahren, begegnen wir mit Störchen, Schlangen, Fröschen und abertausenden Moskitos auch den Bewohnern dieser Feuchtgebiete. Der Lärm der immer nahen Straße und Donner & Blitz sind hier für die Gute-Nacht-Geschichten zuständig und lassen sich jeden Abend bzw. jede Nacht etwas neues einfallen. Auf die Kilometerangaben und geschätzten Entfernungen der Einheimischen ist nach wie vor absolut kein Verlass, selbst die Polizei ist in dieser Hinsicht kein zuverlässiger „Freund und Helfer“, manche Menschen verschätzen sich wirklich irrwitzig.

Paraguay. Land Nr. 23!

Adios Argentina. Hola Paraguay.

Nach 16 Tagen verabschiedet Argentinien uns mit Trauer, Messi tritt gleichzeitig aus der argentinischen Fussball-Nationalmannschaft zurück und wir verlassen ebenfalls das Land, das Wetter zeigt sich zu diesem Anlass nass und grau. Die Hauptstadt von Land Nr. 23 und damit Asuncion und Paraguay erleben wir bieder und fahl, dieser Eindruck ändert sich auch nicht mehr. An der Stadtgrenze lernen wir allerdings Tim und Jakob kennen, einen jungen deutschen Auswanderer und einen Auswanderer in der 3 Generation. Tim lädt uns für 3 Nächte in sein Haus ein und zeigt uns seine Hood, wir erhalten einmalige Eindrücke ins Leben der Paraguayer und bekommen reizende Seen, wilde Tiere und historische Orte von Tim gezeigt. Doch nicht alles bieder und fahl hier! Paraguay zeigt sich als „Auswanderand“ von Deutschen, auch Jakobs Familie wanderte vor 195 Jahren aus Deutschland aus um in Südamerika ein neues Leben zu beginnen. Bevor wir uns von Tim und Jakob verabschieden werden wir ins Restaurant „Oktoberfest“ eingeladen und wir schlemmen wie die Könige. Kartoffelsalat, Sauerkraut, Spätzle, Bratkartoffeln, Blaukraut, Rollbraten, Schnitzel, Geschnetzeltes, Apfelkuchen, Weissbier etc. etc. unser Gaumen ist im 7. Himmel. Danke Tim, danke Jakob!

Vielen Dank an Tim und Jacob für den tollen Abend im Restaurant "Oktoberfest"!

Vielen Dank an Tim und Jacob für den tollen Abend im Restaurant „Oktoberfest“!

Der Highway 2 führt uns weiter zielsicher Richtung Brasilien, überall treffen wir auf begeisterte Menschen und werden nicht nur zum obligatorischen „Mate-Tee“ eingeladen (ohne den geht in Paraguay absolut gar nix!!), sondern dürfen unsere Zelte in den Vorgärten aufbauen. So auch bei Christian aus Österreich welcher vor 30 Jahren auswanderte und jetzt die Pizzeria „Wienerwald“ betreibt und eine köstliche Pizza mitten im Niemandsland anbietet. Christian hat viele Geschichten aus seiner alten Heimat Österreich und seiner Wahlheimat Paraguay auf Lager, ein klassischer bunter Hund.

Mittagspause am Fluss. Wer sieht den Julian?

Mittagspause am Fluss. Wer sieht den Julian?

Die Natur ist tropisch, saftig und grün und auch das Wetter spielt wieder mit, an herrlichen Flüssen verbringen wir unsere Mittagspausen und ein kleines Nickerchen in den Hängematten rundet die Siesta standesgemäss ab. Der Wind kommt von vorne und ein Hügel reiht sich an den Nächsten, die Räder scheinen auf dem Asphalt zu kleben, immerhin gibt es am Strassenrand viel zu sehen und so vergessen wir die Zeit. Das Paraguayische Landleben ist sehr bunt, überall sehen wir Ochsengespanne, Männer die im Wald oder auf den Feldern arbeiten, Kinder die einem Ball nachjagen, Schulkinder welche uns grüßen und freundlich winken, Arbeiter bei einer „Mate-Tee“-Pause, Frauen welche Essen am Straßenrand anbieten und vieles, vieles mehr, eine Reise durch ein Bilderbuch eben.

Argentinien, Brasilien und Paraguay grenzen hier aneinander.

Argentinien, Brasilien und Paraguay grenzen hier aneinander.

Die hügelige Achterbahnfahrt zieht sich bis an die brasilianische Grenze und am 434 Tag erreichen wir tatsächlich unser Zielland Brasilien. Allerdings reisen wir nach 90 Minuten schon wieder aus und es geht am „3-Ländereck“ direkt zurück nach Argentinien. Warum? Die berühmten Wasserfälle von Iguazu, die „Cataratas de Iguazu“ sind von der argentinischen Seite besser zusehen und noch beindruckender. Wir bereisen also mit Paraguay, Brasilien und Argentinien gleich 3 Länder an einem Tag, wieder ein neuer Reiserekord. Im „Parque Nacional Iguazu“ besuchen wir die weltberühmten Wasserfälle uns sind von dem gigantischen Naturspektakel stark beeindruckt. Jetzt haben unsere Augen schon einiges gesehen und sind oft „satt“, irgendwann ist der hundertste Wasserfall nichts besonderes mehr, die tausendste Kirche oder Ruine nichts einmaliges mehr und verzaubert nur noch gering, aber…

Iguazú-Wasserfälle.

Iguazú-Wasserfälle.

…aber die Wasserfälle von Iguazu sind eine Augenweide, mein lieber Mann. Ein absolutes Highlight auf unserer Reise, Traumwasserfälle. Das Wetter spielt uns bei strahlendem Sonnenschein voll in die Karten und danke der südamerikanischen Winterzeit sind eher wenige Touristen vor Ort. Als der Park schliesst, schleichen wir uns, verbotenerweise, in die Büsche. Die Geräuschkulisse der nahen Wasserfälle und das quaken, piepen, zirpen, kreischen und rascheln aus den Büschen lässt uns mitten im grünem Dschungel ruhig schlafen, toller Tag.

Vorsicht Jaguars!

Vorsicht Jaguars!

Eine giftige Korallenschlange.

Eine giftige Korallenschlange.

Der Highway 101 ist eine typische Lehmstraße im Dschungel, wir rutschen hin und her und müssen höllisch aufpassen um Stürzte zu vermeiden. Diese Straße führt uns endgültig nach Brasilien und treibt uns mit ihren auf und abs beinahe in die Verzweiflung. Den heimischen Jaguar haben wir nicht zu Gesicht bekommen, dafür zeigen sich Riesentukane und andere bunte Paradiesvögel, auch Schlangen bekommen wir sehr nah vor die Kamera. Erst als wir die Schlangenbilder Einheimischen zeigen, wird uns bewusst, dass wir uns bis auf wenige Zentimeter einer der giftigsten Schlangen Südamerikas genähert haben. Glück gehabt. Urwald pur! Dschungel live! Noch in Argentinien machen wir unsere 26000km voll und verabschieden uns so erneut von unseren Gaucho Freunden. In unserer letzten Nacht in Argentinien, wir zelten 200m vor der Grenze zu Brasilien, will uns ein Räuber bestehlen. Der Langfinger schultert spät nach Mitternacht Sandros abgeschlossenes Fahrrad und will sich davon machen. Wir stürmen alle 3, wie auf Kommando, mit einem ohrenbetäubendem Gebrüll aus den Zelten und verscheuchen den Dieb, welcher geschockt das Rad fallen lässt und nur mit Sandros Schuhen in der Dunkelheit verschwindet. Wieder Glück gehabt! Mit 13.39€ p.P./Tag in Argentinien und 9.93€ p.P./Tag in Paraguay zählen beide Länder zu den günstigsten unserer Reise, campen in der Natur spart eben enorm Geld.

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Brasilien. 26043 km. Weiter gehts…

So, nach 436 Tagen und 26043 Kilometer erreichen wir, dieses Mal nicht nur für 90 Minuten und mit allen 3 Fahrrädern unterm Hintern, Brasilien. Wir haben es tatsächlich geschafft und uns unseren Traum erfüllt, wir sind von Deutschland nach Brasilien geradelt, Wahnsinn!! Alles, wirklich alles ist machbar! Brasilien war unser Ziel und jetzt sind wir da, glauben können wir es noch nicht und bis wir begreifen was wir geschafft haben gehen wohl noch einige Jahre und zahlreiche Geschichten ins Land. Genau einen Monat vor dem Start der Olympischen Spiele erreichen wir also Brasilien, noch haben wir knapp 2500km vor uns um den Austragungsort Rio zu erreichen. Ein kräftiges aber dennoch machbares Ziel für die nächsten Wochen. Die Goldmedaille in unserer Plattfußstatistik ist Julian mit 30 Löchern nicht mehr zu nehmen, Sandro (18) und Nico (15) sind einfach zu weit entfernt. Ein hart erarbeitetes goldenes Edelmetall für Julian, der anscheinend kaum einen Nagel oder eine Scherbe ausgelassen hat. Wer den Schaden hat….

Bisher zeigt sich Brasilien sehr hügelig.

Bisher zeigt sich Brasilien sehr hügelig.

Die nächsten circa 600km suchen wir unseren Weg nach Porto Alegre im Süden des Landes und damit an den Atlantik, dieser wird dann für die letzten circa 1700km bis Rio unser Begleiter sein. Brasilien empfängt uns gleich mal hügelig und erinnert etwas an die italienische Toskana, wo ein Hügel aufhört beginnt der nächste. Wer bei Brasilien gleich an die Copacabana, exotische Drinks, rassige Strandschönheiten, Pele und Samba denkt, dem sei gleich gesagt, dass Brasilien auch anders sein kann. Gleich in der ersten Nacht wird unser Zelt beinahe von den Regenmassen weggespült, der nächste Tag ist nass, grau und kalt, auf manchen Straßen kommen wir vor lauter Schlamm kaum voran und sehen am Abend aus wie Wildschweine nach dem suhlen. Der „BR-163“ ist noch gut asphaltiert, nach dem Überqueren des „Rio Uruguay“ folgt der „BR-386“, dieser ist z.T. eine übel vom Regen aufgeweichte Piste, die Räder blockieren vor lauter Matsch und Dreck und müssen geschoben oder gar getragen werden. Willkommen in Brasilien, wieder verändert sich unser Weltbild.

Schlammpiste. Die Reifen blockieren.

Sandro steckt im Schlamm fest. Die Reifen blockieren. Er muss schieben.

Inzwischen haben wir uns selbst eine Unterkunft in Rio organisiert und sicher gebucht, bei Wilma und ihrer Tochter Kelly können wir im Herzen Rio’s recht kostengünstig leben. Das Olympiastadion ist nur einen Steinwurf entfernt und auch die Nähe zu Copacabana lässt keine Wünsche offen.

An dieser Stelle wollen wir uns bei Thomas aus Bremen bedanken. Thomas verfolgt sehr aufmerksam unseren Blog und hat uns das Ferienhaus seiner Familie etwas ausserhalb von Rio angeboten. Dieses tolle Angebot werden wir während den Spielen mit Sicherheit für einige Tage annehmen. Danke Thomas, super Geschichte!!

Heute. Kilometerstand 26217, sind wir in Frederico Westphalen angekommen und warten, im wahrsten Sinne, auf besser Wetter. Zumindest haben wir hier Zeit und Platz für diesen Bericht, Wäsche und Zelt können in Ruhe trocknen und die Räder müssen komplett entschlammt werden.

Vielen Dank fürs lesen der Berichte und eure Unterstützung!! Danke auch fürs teilen von unseren Beiträgen auf Facebook & Co. Ihr habt noch Tickets für die Olympischen Spiele in der Hinterhand? Nur keine Scheu, wir beissen nicht und sind dankbare Abnehmer.

Mit sportlichen Grüßen,

Julian, Nico und Sandro.

Weitere Bilder der letzten 14 Tage sind in unser Galerie.

Chile II – Argentinien I

Argentinien, Chile
Tolle Felsformationen in der Atacama Wüste.

Tolle Felsformationen in der Atacama Wüste.

Wir verlassen die chilenische Wüstenstadt Calama und suchen unseren Weg ins Wüstendorf San Pedro de Atacama und die Richtung nach Argentinien, welches sich noch hinter einigen Andengipfeln versteckt. Wir starten also unseren Trip durch die trockenste und höchstgelegene Wüste der Welt, die Atacama, es sollen zähe, harte, fiese und äusserst staubige Tage werden. Gleich zu Beginn zeigt uns der Gegenwind und die stetig ansteigende Straße wer hier das Sagen und damit das letzte Wort hat. Allerdings lassen auch die Highlights nicht lange auf sich warten, so stürzen wir uns kurz vor San Pedro de Atacama mit bis zu 99km/h ein gigantische Abfahrt hinunter, die Wüste mit ihren skurrilen Felsformationen und atemberaubenden Farben saust an uns vorbei. San Pedro de Atacama ist nett und hat einen gewissen „Hippie-Flair“, wirkt aber trotzdem irgendwie künstlich. Überall haben sich Agenturen niedergelassen, welche den zahlreichen Tagestouristen Geld aus der Tasche ziehen und neben Jeeptouren in die Wüste noch anderen überteuerten Service anbieten.

Hunderte Kilometer geradeaus. Sand und Steine wechseln sich ab.

Die trockenste Wüste der Welt. Atacama Desert.

Nach San Pedro de Atacama geht es durch eine lange Sand- und Steinwüste mit wenig grünem Leben, wir bewundern die vielen wilden Esel und fragen uns wie diese in der kargen, trostlosen Gegend überhaupt überleben können, wahre Überlebenskünstler diese Maultiere. Wer vielleicht noch die ein oder andere Leiche im Keller hat, hier in der Atacama-Wüste wäre der optimale Platz um diese für immer definitiv unauffindbar unter die Erde zu bringen. Felsspalten, Schluchten, Steine, Sand, Wind, Kälte, Vulkane und Berge sind unsere Begleiter für die nächsten Tage. Auch wenn manche Tage sehr zäh und anstrengend sind wir sind froh das systeminterne deutsche Hamsterrad für eine Weile verlassen zu haben, das Leben spielt sich draussen ab und die Facetten unserer Welt sind unendlich vielfältig und spannend. Unser Reisemotto könnte auch, „Geträumt! Gelebt! Gewonnen!“, lauten.

Quer durch die Anden nach Argentinien.

Über die Anden nach Argentinien.

Wir zelten bei der "Laguna Toyaito" auf knapp 4108 Metern über dem Meer!.

Wir zelten bei der „Laguna Toyaito“ auf knapp 4108 Metern über dem Meer!.

Argentinien ist quasi schon in Sichtweite, wir können die leckeren argentinischen Steaks beinahe schon riechen, aber die Anden stellen uns heftige, massive letzte Hürden auf und wir müssen mehrmals Pässe von über 4500m überwinden. Wir verlassen das Atacama-Becken und es geht nur noch bergauf, Verschnaufpausen gibt es kaum und die Temperaturen liegen um den Gefrierpunkt, schon bald hört der Asphalt auf und wir fahren hunderte Kilometer auf Schotter- und Sandpisten. Auf 4108m, an der „Laguna Toyaito“, haben wir unseren höchsten Zeltplatz der bisherigen Tour, die Temperatur fällt in der Nacht auf – 12 Grad, der Wind pfeift uns ein kaltes Lied und am nächsten morgen sind Zahnpasta und Trinkwasser gefroren, es ist bitterkalt. Die Muskeln brauchen am morgen eine Weile um warm zu werden, die Finger und Zehen gleichen Eiszapfen, zwischendurch machen wir unsere 24.000km voll und Argentinien rückt langsam aber sicher näher.

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Von Chile nach Argentinien via. Paso Sico und vier weitere Pässe mit knapp 4500 Metern. Höchster Pass „Abra El Laco“ – 4584 Meter.

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Entlang am „Salar Aqua Calientes“ zum Grenzübergang „Paso Sico“.

Am Tag 411 unserer Reise gibt sich der „Abra el Laco“ mit 4584m die Ehre und wir feiern damit den höchsten Pass der Tour, wir sind von unzähligen Vulkanen umgeben, welche diesen Moment stumm mit uns zusammen geniessen. Abends fallen wir todmüde in unsere Zelte, wir leisten alle Drei täglich das Selbe. Der eine kommt mit der Höhe besser klar, der Andere nimmt den Anstieg leichter und der Dritte fährt mal schneller, aber am Abend haben wir alle den gleichen Tachostand und die selben müden Haxen.

Argentinien. Nach unzähligen Kilometern Holperpiste kommen wir in unser Land Nr.22.

Argentinien! Nach unzähligen Kilometern Holperpiste kommen wir in unser Land Nr.22 an.

Bis zur argentinischen Grenze werden wir durchgeschüttelt und eingestaubt, die Strasse ist ein einziges sandiges Waschbrett. Unsere Equipment reisst und bricht an allen Ecken und Kanten, unzählige Male mussten wir dieses jetzt schon notdürftig reparieren und ausbessern. Stress pur für Fahrer und Ladung.

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Die Luft ist dünn. Kurze Verschnaufpause, dann rollen wir ins Tal um den nächsten Berg zu erklimmen.

Fix und fertig erreichen wir also unser Land Nr.22 und damit Argentinien, die argentinischen Grenzer sind super freundlich. Wir sind die ersten „Kunden“ für heute und es ist bereits 17h, an Überarbeitung sterben die Jungs hier sicher nicht. Wir dürfen kostenlos in der Grenzstation übernachten, heisse Dusche und Wifi inklusive, ein guter Start ins Land der Gauchos und der endlosen Pampas. Bevor wir uns aber entspannen können, warten noch 3 Tage Schotter und etliche Berge auf uns. Der RN-51 ist ungeteert und wir holpern langsam durch die Mond- und Marslandschaft, so muss es sich anfühlen wenn ein Traktor mit hoher Geschwindigkeit über einen gefrorenen Acker fährt, es ist zäh, äusserst zäh. Die Anstiege sind sandig, die Räder drehen oft durch oder rutschen, wie auf Schmierseife, im Sand hin und her, Einkaufsmöglichkeiten gibt es nicht und unsere Kekse müssen herhalten. Die Anden machen uns den Abschied nicht leicht, hohe Pässe, viel Schotter, Wind, Kälte, steile Anstiege, ein wahrer Endgegner der niedergerungen werden muss. Juni/Juli sind die kältesten Monate hier Oben, die Trinkschläuche unserer Rucksäcke sind gefroren, ein Wunder das unserer Körper noch nicht mit Krankheiten oder anderen Streiks drohen. Die wenigen LKW’s auf der Piste stauben uns kräftig ein, der Pass „Alto Chorrollo“ mit 4560m zieht sich unendlich lange hin, jetzt haben wir mehrmals die 4500m Grenze überschritten und sehnen uns nach dem argentinischem Flachland und damit nach den berühmten Pampas.

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Es geht bergab durch atemberaubende Canyons. Am Abend haben wir 170 Kilometer auf dem Tacho.

In San Antonio de los Cobres schlafen wir in einem Rohbau, es wird unsere letzte Nacht in den Anden. Am nächsten morgen haben wir noch einen 4000er zu bezwingen, danach geht es bergab. 7000km haben uns die Anden durch 6 Länder begleitet, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, Chile und jetzt Argentinien haben wir dabei abgeradelt, der absolute Wahnsinn. Wir sausen also ins Tal und feiern dabei mit 170km (!!) einen neuen Rekordtag dieser Reise. Die Landschaft ist der absolute Hit, die Felsen leuchten in 1000 Farben, die Kakteen sind haushoch, die Canyon’s gigantisch, ein würdiger letzter Tag in den Anden und die schönste Abfahrt bislang. Wir steigen also von 4080m runter auf 1200m (schneller ist wohl noch nichtmal der VFB Stuttgart dieses Jahr von der 1. in die 2. Bundesliga abgestiegen) und erreichen damit Salta, Argentiniens nördlichste Grossstadt. Danke Anden, es war uns eine Ehre und wir werden mit einem gewissen Stolz viele Geschichten von Euch erzählen können. Das längste Bergmassiv der Welt ist damit bezwungen!!

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Obst!!! Seit Tagen haben wir nur „Trockenfutter“ gegessen.

In Salta legen wir gleich 2 Ruhetage ein, die Stadt brummt vor Leben, ein Sandwich-Laden reiht sich an den nächsten, auf den Straßen bilden sich hupende Staus, Mütter ziehen ihre Kinder hinter sich her, Männer sitzen wie Tagediebe in den Parks oder betreiben zwielichtigen Geldwechsel, es ist das komplette Kontrastprogramm zu den letzten Wochen in den einsamen Bergen. Ausgehungert schlemmen wir uns von einer Straßenecke zur nächsten, überall werden Leckereien angeboten und wir hören uns selten „Nein!“ sagen.

Auch die Räder kommen nicht zu kurz, bekommen eine Dusche in der Waschstrasse, werden geölt und gewartet. Über 24.900km sitzen wir jetzt auf den Bikes und sind wirklich erstaunt was diese alles wegstecken. Klar tritt mal das ein oder andere Problem auf, aber im Großen und Ganzem sind wir mit den TX-1000 Rädern der Fahrradmanufaktur absolut zufrieden. Da haben die Jungs und Mädels aus Oldenburg gute Arbeit geleistet und ein top Fahrrad zu einem sehr gutem Preis- Leistungsverhältnis auf den Markt gebracht. Einzigstes Manko: Ersatzteile sind in Nord- und Südamerika kaum zu bekommen.

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Salta in Argentina!

Inzwischen besteht bei uns Dreien kein Zweifel mehr, Rio wird definitiv rechtzeitig zu den Olympischen Spielen erreicht!! Nur noch circa 3.000km in den nächsten 44 Tagen fehlen zum erreichen unsers Traums. Wie oft wurden wir belächelt, wie oft wurden wir für verrückt erklärt, wieviele Menschen haben ernsthaft an unser Vorhaben geglaubt? Viele dachten wir kehren nach einigen Monaten und wenigen Kilometern geläutert um. Nein, wir haben an uns geglaubt und unser Zeil verfolgt. Wir schaffen das, alles eine Frage der Einstellung.

Ein bisschen Enttäuscht sind wir allerdings von Menschen welche uns Unterstützung versprochen haben. Unzählige Male wurden uns Unterkünfte, Tickets für die Spiele in Rio, Kontakte zur Presse etc., etc. versprochen und damit Hoffnung gemacht. Die meisten Leute haben es scheinbar nötig sich aufzublasen und zu prahlen, ausser heisser Luft nichts gewesen. Von den Menschen mit der größten Klappe haben wir jedenfalls nie mehr was gehört. Unser Dank, gilt den Menschen welche unseren Blog lesen, unsere Bilder kommentieren und uns nette Nachrichten schreiben, dies ist die beste und schönste Unterstützung für uns.

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Immer geradeaus… Irgendwo, weit hinter dem Horizont liegt Paraguay und Brasilien.

Von Salta aus machen wir uns also auf dem RN-9 auf  den Weg um Argentinien einmal von West nach Ost zu durchqueren, immer mit dem Ziel Paraguay und Brasilien. Die Einheimischen in Salta haben ständig davon gesprochen das jetzt die Strecke „solo plano“, „just flat“, „nur flach“ ist, Pustekuchen! Klar, im Verhältnis zu den Anden ist das hier Kindergarten, aber die ersten 2 Tage folgt ein Hügel dem anderem und wir machen 800 Höhenmeter am Tag. Fazit: Glaube keinem Einheimischem, erstrecht keinem OHNE Fahrrad!! Naja, am Abend gibt es bei „All-u-can-eat“ vom Grill genügend Kraftfutter und ein gemütlicher Zeltplatz findet sich auch meistens.

Argentinien und Rinder. Das gehört einfach zusammen.

Argentinien und Rinder. Das gehört einfach zusammen.

Wir wechseln vom RN-9 auf dem schmaleren RN-16, dieser führt uns endgültig in die Pampas Argentiniens. Die Strecke ist bolzengerade, an manchen Tagen kommt nicht eine Kurve, wieder ein anderes Extrem. Wir fahren durch Argentiniens Weidenlandschaft, viele LKW’s und Landwirtschaftsmaschinen begegnen uns und so treten wir verträumt Tag ein Tag aus vor uns hin. Die Tage erinnern an einen Herbsttag in Deutschland, ein herbstlicher Wintertag in der argentinischen Pampa. Die Nächte sind empfindlich kalt und am morgen dauert es bist sich die Sonne endgültig durchsetzt.

Die Neugier und Abenteuerlust treibt uns immer weiter. Was kommt als nächstes? Was bietet das kommende Land? Wo übernachten wir heute? Vor unserer Reise hatten wir keine Ahnung was alles zwischen Deutschland und Brasilien liegt, was alles auf uns zukommt. Auch jetzt kommen wir immer wieder ins staunen, neue Überraschungen gibt es auch noch nach 421 Reisetagen genügend. Vermutlich brauchen wir unser restliches Leben um alles zu verarbeiten und um unser Glück zu erfassen.

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Viele verschiedene Vogelarten gibt es in der Pampa. Hier ein Papagei.

Die Gauchos auf ihren Pferden grüßen freundlich und die Dörfer wirken, nicht nur in der traditionellen Siesta, oft ausgestorben. Die Argentinier sind gute Gastgeber, überall dürfen wir unsere Zelte aufschlagen und unser Wasser auffüllen. Uns wird Gürteltier zum Abendessen angeboten, wegen uns müssen allerdings keine exotischen Tiere sterben und wir lehnen dankend ab. Viele bunte, exotische Papageien ziehen mit uns durch die Pampa und zwitschern uns ihr Lied von der Wildnis, wir kommen jetzt schnell voran und uns fehlen nur noch circa 300km bis zur paraguayischen Grenze.

Pampa, Pampa, Pampa. Argentinien live. Lucky Luke der einsame Cowboy ritt mit seinem treuem Pferd Jolly Jumper durch den Wilden Westen Amerikas, wir strampeln mit unseren robusten Rädern durch die Pampas Argentiniens immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen und der grenzenlosen Freiheit.

Egal wo wir als Deutsche „entlarvt“ werden, oft werden wir mit deutschen Stereotypen konfrontiert, ist Deutschland wirklich nur: „Autobahn“, „Oktoberfest“, „Hitler“, „Black-Forrest“, „Sauerkraut“ und „Beckenbauer“? Wir nehmen es mit Humor, Argentinien ist ja schliesslich auch nur: „Tango“, „Pampa“, „Maradonna“, „Fleisch“, „Gauchos“, „Messi“ und „Vizeweltmeister“!!!!

Heute übernachten wir übrigens im Ort „Pampa del Infierno“, der Name ist Programm….

Unser Motto für den Endspurt lautet: „Feuer frei!!! Rio wir kommen!!!“

So, den nächsten Bericht gibt es vermutlich schon aus Brasilien. Danke fürs lesen und wir wünschen Euch einen tollen Sommer.

Mit freundlichen Grüßen aus Argentinien,

Julian, Nico und Sandro

Weitere Bilder findest Du in unserer Galerie.

Peru IV – Bolivien – Chile

Bolivien, Chile, Peru
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Markt in Cusco.

Bevor wir Cusco, den „Nabel der Welt“, wie die Inkas ihr Stadt nannten, wieder verlassen schlendern wir ohne konkretes Ziel in der Altstadt umher. Die riesigen Markthallen sind voller Leben, die Gassen historisch und hinter jeder Ecke gibt es etwas spannendes zu entdecken. Wir beobachten die Touristenmassen, welche scheinbar planlos und willenlos einem „Fähnchenträger“ hinterherlaufen, Gott sei Dank sind wir frei und unabhängig. Überall werden tolle Souvenirs angeboten, allerdings überlegt man sich als Radler jedes Gramm an Zusatzgewicht zweimal und widersteht den netten Marktfrauen souverän.

Bevor wir uns zum „Lago de Titicaca“ aufmachen, werden die Räder noch mit, dringend benötigten, neuen Hinterbremsen ausgestattet und die Beine mit einer, sehr schmerzhaften, Massage wieder fit gemacht.

Von Cusco bis an den Titikakasee fahren wir auf einer Hochebene, dem Altiplano, und bewegen uns konstant zwischen 3400 und 4300m, nachts fällt das Thermometer bis weit unter Null und tagsüber holen wir uns einen Sonnenbrand bei gut 30 Grad, die Temperaturunterschiede sind wirklich krass und ein ständiges an- und ausziehen der Kleidung ist die Folge.

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Ruinen von Raqchi auf dem Weg zum Pass „La Raja“.

Auf dem Weg, wir fahren den Highway 3S entlang des Rio Vilcanota, besuchen wir eine der ältesten Kirchen Südamerikas, welche durch ihre beeindruckenden Fresken auch die „Sixtinische Kapelle“ Südamerikas genannt wird, auch die zahlreichen Ruinen kommen neben der einzigartigen Natur nicht zu kurz und werden besichtigt. Wir fahren an riesigen Lama- und Alpakaherden vorbei, heisse Thermalquellen laden zum Entspannen ein, wir beobachten Viehhandel auf den Märkten und werden selber von vielen neugierigen Augen beobachtet oder um ein gemeinsames Erinnerungsfoto gebeten. Die Strecke gleicht einem riesigem antikem Freilichtmuseum, als Radler kommen wir an Orte wo der „normale Tourist“ mit dem Bus gar nicht hält, überall treffen wir auf freundliche und hilfsbereite Menschen und eine herzliche, ehrliche Kultur.

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Harte Feldarbeit mit einfachsten Mitteln.

In den Medien werden viele Länder und Kulturen oft wesentlich schlechter dargestellt als sie in Wirklichkeit sind, mit dieser Reise entgegnen wir diesen Vorurteilen, machen unsere eigene Erfahrung und uns ein eigenes Bild. Wir geben den, vorher eher grauen Ländernamen und unbekannten Orten, einen bunten, lebensfrohen eigenen Anstrich, die meisten Länder sind besser als ihr Ruf. Die einfache Bergbevölkerung arbeitet täglich, mit antiken Geräten, hart auf ihren Feldern und dies ein ganzes Leben bis der Körper nicht mehr mitspielt. Es soll Menschen in Deutschland geben welche sich über unser Gesundheits- und Sozialsystem, die wöchentliche Arbeitsstunden oder die staatlicher Unterstützung beschweren? Hier unvorstellbar!

In Peru sind bald Wahlen, überall im Land werden Hauswände, Straßen, Felsen und andere Flächen mit den Slogans der Parteien bemalt, egal wo du bist, ob in der Pampa oder in der Großstadt, keine Fläche wird ausgelassen und bunt bemalt.

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Fast an jeder freien Fläche ist Wahlwerbung angebracht.

Da die einfachen Unterkünfte in Peru mit 2-4€ p.P./Nacht recht kostengünstig sind, ersetzen diese öfters das Zelten, der ärmeren Landbevölkerung tut der Zusatzverdienst gut und uns nicht weh und so kommen wir in  intensiven Kontakt mit unseren Gastgebern und der peruanischen Kultur. Inzwischen haben wir die peruanischen Delikatessen intensiv getestet vom Lama-Geschnetzelten über Alpaka-Spieße bis hin zu Meerschweinchen haben wir inzwischen einiges an Leckereien auf den Tisch bekommen und haben die leckere peruanische Küche ausgiebig getestet.

Der „Abra la Raya“ ist mit 4335m unser bislang höchster Pass und gleichzeitig die Wasserscheide zwischen Atlantik und Pazifik. Die Luft ist dünn und unsere Lungen pfeifen vor sich hin und das Herz arbeitet auf Hochtouren, inzwischen hat sich auch Sandro gut akklimatisiert und wir erreichen auf der gutbefahrbaren 3S den legendären Titikakasee.

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Die Luft wird dünner, wir sind auf 4335 Metern.

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Traumhafter Ausblick über den Titikakasee.

Jedes Kind kennt den höchsten beschiffbaren See der Welt, 13 x größer wie der Bodensee und auf 3808m gelegen, jetzt stehen wir mit unseren Rädern am Ufer, ein Traum geht in Erfüllung. Wir strampeln an der Küste entlang und geniessen den Blick auf den See, im Hintergrund stehen die schneebedeckten Berge der bolivianischen Anden bereit und geben unseren Fotos den letzten Touch. Die letzte Nacht schlafen wir, bei der circa 70jährigen Elba, in ihrem kolonialem Stall(!). Elba ist, laut eigener Aussage, die Enkelin des ehemaligen peruanischen Präsidenten Valentin Paniagua, nach 37 Tagen ein würdiger Abschied aus Peru. Würde jetzt noch Maria und Josef auf einem Esel vorbeireiten, wir würden es auch noch glauben, die Gegend und die einfachen Hütten haben sich die letzten 2016 Jahre wohl nicht arg verändert.

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4 Radler. Wir treffen Walt, er ist uns schon in Kanada mit seinem Rad begegnet ist.

Es geht ruck-zuck und schon haben wir den bolivianischen Stempel im Pass und betreten Land Nr. 20, im Grenzort Copacapana machen wir halt und haben einen gigantischen Sonnenuntergang am See. Dort treffen wir auch den fahrradverrückten Holländer Wolt wieder, Wolt haben wir bereits in Kanada kennengelernt und tauschen uns über Strecke und Erfahrungen aus, die Welt von weltreisenden Radlern ist klein aber fein.

Die bolivianische Seite der Titikakasees gefällt uns definitiv besser wie die peruanische, für ca. 20km fahren wir auf einer Anhöhe, unter uns glitzert der See und dahinter reihen sich die Berge der Gebirgskette „Cordillera Real“ und „Cordillera Munecas“ der Ausblick könnte auf jeder Postkarte sein und das Wetter spielt voll  mit.

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Die „Cordillera Real“, Bergspitzen mit mehr als 6000 Metern.

Die Straßen ziehen sich wie Adern, wie ein Spinnennetz, über unseren Globus, kaum zu glauben, dass wir seit Alaska einem gigantischem Straßennetz folgen, welches uns, bis auf eine Ausnahme zwischen Panama und Kolumbien, bis nach Bolivien geführt hat. Weiter geht es jedenfalls in diesem Netz auf dem Highway 2 bis nach La Paz, wo wir genau 13 Monate nach unserm Start in München Station machen. Zwischen 3600 – 4200m Höhe erstreckt sich die Millionenstadt La Paz, wieder schlendern wir durch die Gassen und beobachten das Leben in den Gassen und auf den Plätzen der Altstadt.

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Wo geht es lang? Schwierig zu verstehen.

72km hinter der Stadt machen wir, auf dem Bolivia1, unsere 23.000km voll und rollen durch die Pampa Boliviens auf der Suche nach dem grösstem Salzsee bzw. der größten Salzwüste der Welt dem „Salar de Uyuni“! Es ist brutal kalt, in der Früh starten wir oft mit Minusgraden und die Zehen und Finger sind taub vor Kälte, der Wind ist eine Wundertüte und wechselt ständig seine Richtung.

Inzwischen lachen uns die Menschen nicht mehr aus , wen wir unser Endziel Rio und damit die Olympischen Spiele 2016 nennen. In den USA, Kanada und weiten Teilen Mittelamerikas ernteten wir nur Kopfschütteln und wurden für verrückt erklärt. Jetzt liegt Brasilen ums Eck, für die Menschen hier ist dies anscheinend normal, das man nach Rio radelt, wir sind dem Ziel also sehr nahe!

Durch die klirrende Kälte liegen wir oft schon um 18Uhr in unseren Schlafsäcken und kriechen erst nach 12 Stunden raus, springen auf die Räder und kämpfen gegen die Kälte an, über 3 Wochen sind wir bereits auf knapp 4000m, viel Sauerstoff sollten wir inzwischen im Blut haben und in tieferen Gebieten müssten wir wie Raketen abgehen. Ist eine aktive Olympiateilnahme doch noch möglich?

Frustrationstoleranz, Selbstbeherrschung und Respekt scheinen in manchen Situationen ein Fremdwort zu sein, ob es an der Höhenluft liegt, an der Kälte oder an der Anstrengung, manchmal liegen die Nerven blank und es kommt zu unkontrollierten Wortgefechten, so machen wir uns den Weg selber schwer. Trotzdem setzen wir unsere Suche nach dem Salzsee unbeirrt fort, es gibt kaum Einkaufsmöglichkeiten und auch die Unterkünfte sind in Bolivien weit verstreut, und primitiv. Das bettelarme Bolivien hat ein massives Wasserproblem, geduscht wir mit eiskaltem Wasser aus dem Brunnen, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und Frost ein eisiges Vergnügen. Sandro befürchtet gar seinen ersten Herzinfarkt und das mit jungen 32 Jahren.

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Vicuñas kreuzen die Strasse. Sie tragen das teuerste Fell der Welt.

Auf der Straße liegen unzählige überfahrene Hunde, die Flamingos, Emus, Lamas und Alpakas sind da eine wesentlich erfreulicherer Anblick und stehen Fotomotiv für uns in der kargen Steinlandschaft. Auch Vicuñas kreuzen unseren Weg, diese Tiere sehen aus wie Lamas, stehen unter Naturschutz und aus ihrer Wolle wird der teuerste Textilfaden der Welt gewonnen.  Die farblosen verlassenen öden Dörfer durch welche wir jetzt fahren erinnern an eine in die Jahre gekommen Westernstadt, nur das hier die Häuser aus Lehm oder Salzstein sind und die Menschen dick eingepackt in bunte Tücher sind.

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Julian auf dem „Cementerio de los trenes“, Zugfriedhof, in Uyuni.

Wir verlassen den Bolivia 1 und radeln einsam auf dem Highway 30 weiter und plötzlich liegt er vor uns der größte Salzsee der Welt! Weiss wird die beherrschende Farbe der nächsten Tage sein, Salz das beherrschende Element und Ruhe und Einsamkeit unser Begleiter. Die erste Nacht verbringen wir in einem Salzhotel am Rande des Sees, dort füllen wir unsere Vorräte auf und besuchen den „Cementerio de los trenes“, einen beeindruckenden Friedhof für ausrangierte Lokomotiven.

Die Einheimischen warnen uns vor dem unberechenbaren Wind auf dem „Salar de Uyuni“ und den derben Minusgraden in der Nacht, erst vor 2 Jahren sind 2 Radler in ihrem Zelt erfroren, ein furchtbares Schicksal. Warnung gehört, Warnung verstanden, am nächsten Tag beginnt bei -8 Grad unsere Expedition „Salzsee“!

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Salz soweit das Auge reicht. Nico folgt dem GPS.

Salz so weit das Auge blicken kann, keine Anhaltspunkte in der weissen Wüste, es ist eine faszinierender Ausflug. Wir vertrauen dem GPS, unseren Tachos, unserem Instinkt und nehmen die groben Berge in der Ferne zur Orientierung. Es ist a….kalt, trotzdem verbrennt die Höhensonne unser Gesicht, der Kontrast zwischen weissem Untergrund und blauem Himmel ist umwerfend, es entstehen viele tolle Bilder in dem wir mit der Perspektive spielen.

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Sandro balanciert auf seiner Gabel. Ein Ausgleich zum vielen Radfahren.

Nach circa 75km auf Salz erreichen wir die „Isla Inca Huasi“, dort verbringen wir eine Nacht in einer einfachen Schutzhütte, Sonnenuntergang und sternenklarer und daher äussert kalter Nachthimmel inklusive. Diese Insel ist eigentlich ein Vulkankrater in mitten des Salzsees ist ein unglaublicher Mikrokosmos, gigantische Kakteen wachsen hier in dieser lebensfeindlichen Umgebung auf 3650m, wir staunen nicht schlecht.

Am Tag 2 haben wir anfangs Rückenwind und sind daher schnell auf der anderen Seite des Sees angelangt, danach wir es furchtbar zäh und unangenehm. Hier und da überholen uns dämlich grinsende Touristen in ihren Jeeps samt Fahren und machen Fotos, wir fühlen uns wie Affen im Zoo. Aber immerhin geniessen wir die totale Freiheit und müssen uns nicht an einen Terminplan einer Agentur halten, sondern können nach Lust und Laune tun und machen was auch immer uns gerade in den Sinn kommt, ätsch!!

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Sandsturm auf dem Weg zur chilenischen Grenze. Extremer Gegenwind.

Die Strecke bis an die Grenze zu Chile ist die Hölle. Sandpiste wechselt sich mit Schotterpiste ab, wir rutschen auf den losen Steinen hin und her, der Wind entwickelt sich zum Sturm und peitscht uns Kieselsteine und Staub ins Gesicht, es fühlt sich an wie tausend kleine Nadelstiche im sonnenverbrannten Gesicht. Sandro wird von einer Magen- Darmgrippe geplagt, was unser Unterfangen nicht einfacher macht. Mit 5-8 km/h schleichen wir die 95km bis zur Grenze Chiles, zwischendurch geraten wir in einen üblen Sandsturm und die Kräfte schwinden. Obwohl sich des Wetter und die Straßenverhältnisse gegen uns verschworen haben, setzten wir uns durch und erreichen mit der Dämmerung die chilenische Grenze. Die Zöllner durchsuchen unser Gepäck wie sie Drogendealer vermuten würden, nach dieser Prozedur ist es geschafft und wir fallen in Land 21 fix und fertig in die Federn.

Mit erreichen Chiles haben wir das nördlichste Land Nordamerikas die USA/Alaska und das südlichste Land Südamerikas miteinander verbunden, was für ein gigantisches Projekt, knapp 12 Monate und etwa 21.000 liegen zwischen den beiden Ländern.

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Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir Chile. Land Nr. 21.

Leider gibt es am Grenzort Ollagüe keinen Geldautomaten, der nächste ist 200km entfernt und unser Geld ist knapp bzw. aufgebraucht. Wir müssen also in den sauren Apfel beissen, den Ruhetag streichen und die Strecke ohne Pause angehen. Sandro gibt trotz Magenproblemen grünes Licht und will mitziehen. Der Wind bläst ohne Unterlass und die Strecke zeigt sich hügelig, kurvig und voller Schlaglöcher. Nach 25km ist bei Sandro Feierabend, es geht nicht weiter und wir sollen einen Transport organisieren. Kein Problem, Gesundheit geht vor, nur die Strecke ist kaum befahren und es ist ein ruhiger Sonntag. Wir haben denoch Glück im Unglück und Hugo kommt mit seinem Pritschenwagen vorbei, kurzerhand werden die Räder verladen und wir kommen in die  circa 175km entfernte Stadt Calama. Wir haben vollkommen richtig entschieden, die Strecke ist zwar schön, die Vulkane links und rechts des CH-21 stehen in Reih und Glied, aber es gibt keine Einkaufsmöglichkeiten, keine Unterkünfte und der Wind kommt, wie immer, stark von Vorne. In Calama gibt es Geld und einen Ruhetag, Zeit für uns die Homepage zu aktualisieren und für Sandro sich auszukurieren. Calama gleicht einem Kulturschock, waren wir vor 2 Tagen wirklich noch in der Wüste? Hier gibt es riesige Shoppingmalls und eine Überangebot an Unterkünften, Restaurants und allen erdenklichem Luxus. Auf diesen Schock holen wir erstmal eine italienische Salami und essen deutsches Vollkornbrot, ein Stück Heimat in der Ferne. Die Räder müssen entsalzt werden, die Klamotten stehen vor Dreck und nach 17 Tagen radeln am Stück freut sich der Körper über jede Minute Auszeit und Ruhe.

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Hugo nimmt uns per Anhalter mit. Die Gesundheit geht vor.

Heute haben wir Tag 407 und stehen bei 23726km. 407 Tage sind 9768 Stunden live Kino für unsere Sinne, unser Traum von Olympia kommt unaufhaltsam näher. 2 Monate haben wir noch Zeit um nach Rio zukommen, der Countdown läuft und wir biegen langsam ein auf die „vielleicht längste Zielgerade der Welt“, etwa 4000km to go. Tickets haben wir noch immer keine für die olympischen Veranstaltungen, aber vielleicht kann ja noch jemand Abhilfe schaffen, nur her mit den Kontakten!!!

Wir hoffen bei Euch ist es wärmer als hier und wünschen eine erfolgreiche, friedliche Fussball-EM für unsere Elf in Frankreich. Jetzt wartet die Atacama-Wüste auf uns und die Räder, diese Wüste ist die trockenste und höchstgelegenste Wüste der Welt, neue Abenteuer stehen also bereit für uns und die Räder. Den nächsten Bericht sollte es aus Argentinien geben, mit einem gutem argentinischen Steak im Magen schreibt es sich gleich viel besser, wir freuen uns jedenfalls auf die Gauchos.

Mit sportlichen Grüßen,

Julian, Nico und Sandro.

Weitere Bilder findest Du in unserer Galerie.

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Vielen Dank fürs Lesen des Blogs. Grüße aus Chile.

Peru III – Lima – Machu Picchu – Cusco

Peru
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City-Tour mit Jesus und Marino.

Bevor wir die Hauptstadt Perus und damit Lima wieder verlassen lernen wir Jesus und Marino kennen, die zwei sind waschechte Hauptstädter und geben und uns eine gratis Tagestour durch ihre wunderbar restaurierte Altstadt und Miraflores, einem eher exklusiven Stadtgebiet direkt am Strand wo sich die Reichen und Schönen niedergelassen haben und die jungen Surfer sich in die Wellen stürzen und an der Promenade flanieren.

Dünen bis zum Horizont.

Dünen bis zum Horizont.

Die unendliche, zähe Wüste vor Lima hat uns eigentlich gereicht, trotzdem entscheiden wir uns für einen Ausflug nach Ica, Ica liegt wieder mitten in der Wüste am Rande des Nationalparks „Reserve Nacional de Paracas“. Zahlreiche Attraktionen hat die Gegend zu bieten welche wir uns nicht entgehen lasen wollen. So bewundern wir die „Laguna de Huacachina“, wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen plötzlich nach Nordafrika versetzt worden zu sein. Die Oase ist wie ein Traum aus 1001 Nacht, Dattelpalmen und orientalisch anmutende Gebäude versetzen uns in eine andere Welt. Danach ist Aktion pur angesagt, wir üben uns im Sandboarden und wedeln die bis zu 80m hohen Dünen auf unseren Sandboards hinunter, die Tour mit dem Strandbuggy über die Sandberge ist ein Erlebnis für sich und eine willkommene Abwechslung zu unserem Fahrradalltag. Die gigantischen Sanddünen erstrecken sich bis zum Horizont und der eintretende Sonnenuntergang beschert uns beinahe magische Momente in mitten der Sahara.…ähhh Wüste Perus.

Laguna de Huacachina.

Laguna de Huacachina.

Sandboarden, mal was anderes wie radeln.

Sandboarden, mal was anderes wie radeln.

Mit dem Bus geht es zum Ausgangspunkt für unsere nächste Etappe, Ayacucho liegt mitten in den Anden und ist Ausgangsort für unsere Tour zur sagenumwobenen Inkastätte Machu Picchu. Bislang in ganz Peru waren die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht extrem und das Wetter unberechenbar. Tagsüber droht ständig der Sonnenbrand und sobald die Dämmerung eintritt wird es schnell unangenehm kühl, hier in den Bergen ist es natürlich noch extremer und wir sind froh über unser dicken Schlafsäcke in der Nacht und warme Kleidung wird gebraucht.

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Markt in Ayacucho.

Ayacucho liegt nicht unbedingt auf der Route vieler Touristen, wir sehen zumindest kaum „Gringos“ (Ausländer) und geniessen daher ein sehr authentisches peruanisches Leben. 33 (!) Kirchen hat die kleine aber feine koloniale Stadt zu bieten, viele Märkte locken mit allerlei leckeren Sachen und viel Trödel, wir bewundern die Bergbewohner in ihren traditionellen Trachten und Gewohnheiten. Die zahlreichen Tuk-Tuks und die vielen kleinen Garküchen am Strassenrand erinnern ein wenig an Thailand, auch die Menschen haben asiatische Gesichtszüge und das Lächeln Asiens im Blut.

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Gipfelkreuz auf 4264 Metern.

Wir bereiten uns auf eine zähe, lange Etappe vor, Machu Picchu ist das Ziel. Wir steigen und fallen, auf der 28B sind wir ein Spielball der Anden, die Räder scheinen mit gewonnener Höhe an Gewicht zu zulegen und die Luft wird immer dünner. Wir meistern Pässe mit bis zu 4264m hier wiegen die Bikes plötzlich 3-4 x soviel wie sonst und wir bekommen Luft wie durch einen Strohhalm, das Blut rauscht in den Ohren und das Herz pumpt auf Hochtouren. Die Aussicht ist dafür gigantisch und wir können uns kaum sattsehen, Berge, Schluchten, Täler so weit wir blicken können, einfach eine atemberaubende Landschaft welche sich uns hier offenbart. Unseren größten Respekt verdienen sich die Bergbauern, welche hier ihre Felder bearbeiten und natürlich die Kräuterfrauen, welche entlang der Strecke diverse Bergkräuter sammeln.

Claudia und Martin sind seit mehr als 3 Jahren mit ihrem VW-Bus unterwegs.

Claudia und Martin sind seit mehr als 3 Jahren mit ihrem VW-Bus unterwegs.

Die einzigen Touristen welche wir auf dieser Tour treffen sind Martin und Claudia aus der Schweiz, welche in ihrem VW-Bus nun knapp 3 Jahre unterwegs sind , die Beiden halten uns für total bekloppt. Zitat Martin: “Wir fahren jetzt schon seit Tagen durch diese gottverlassenen Berggegend, die Autofahrer sind absolut Geisteskrank, die Strassen schmal und teilweise bis zu 70km Schotter, die Distanzen gross, die Abhänge selbstmörderisch und ihr wollt hier durch? Das ist verrückt, absolut verrückt! Nehmt lieber den Bus!!“ Naja, wir fahren weiter und kämpfen uns tapfer vorwärts, Rom wurde ja auch nicht an 2 Tagen erbaut und wir haben Zeit eingeplant. Tatsächlich empfinden wir die peruanischen Autofahrer aber auch als extrem nervig. Eigentlich sind die Peruaner ein recht freundliches, hilfsbereites und offenes Volk, sobald diese aber hinter einem Steuer sitzen geben sie gleichzeitig mindestens die Hälfte ihres IQ’s ab und werden zu primitiven, nervigen, respektlosen und permanent hupenden Primaten.

Koka-Blätter am Strassenrand.

Koka-Blätter am Strassenrand.

Je weiter wir uns in die Berge vorkämpfen, desto mehr werden wir wie Astronauten oder gar Ausserirdische bestaunt. Viele Touristen sind in dieser Gegend noch nicht gesehen worden, zumindest nicht welche auf dem Rad. Ständig bekommen wir Kokain, Marihuana und diverse andere Aufputschmittel angeboten, ein sicheres Zeichen wir nähern uns der „Roten Zone“, selbstverständlich sehen wir jedesmal ab. In dieser Gegend werden Perus Drogen angebaut, schwergewaffnete Milizen kommen uns auf ihren Trucks entgehen, die Polizei warnt uns vor Überfällen und die Einheimischen schütteln den Kopf, nach 4-5 Tagen ist aber auch diese Region passé und es wird wieder gemütlicher.

80 Kilometer Abfahrt. Das haben wir uns hart erarbeitet.

80 Kilometer Abfahrt. Das haben wir uns hart erarbeitet.

Fluss durchqueren, was ein Spass. Bei Nacht aber sehr schwierig.

Fluss durchqueren, was ein Spass. Bei Nacht aber sehr schwierig.

Wir fallen, nach einer gigantischen ca. 80km Abfahrt, auf unter 800m und finden uns im peruanischen Regenwald wieder. Dieser macht seinem Namen alle Ehre und es schüttet wie aus Kübeln, bei den z.T. unasphaltierten Strassen gleicht das einer Rutschpartie, die Räder und wir sehen danach aus wie Wildschweine nach einem ausgiebigen Schlammbad. Wir sind auf der Suche nach der Inkastätte Machu Picchu und da muss man auch schon mal unangenehme Wege gehen und Opfer bringen und so kommen wir zu einem neuem Reiserekord. Mit 9.57 Stunden/Tag auf dem Rad stellen wir am Tag 381 unserer Reise einen neuen persönlichen Rekord auf, nicht einmal unserer Karte kennt diese Strasse und wir legen an diesem Tag zudem geschlagene 2657 (!!!) Höhenmeter zurück. Wir kommen in die Dunkelheit und müssen, mit der Konzentration und der Kraft am Ende, noch zahlreiche überflute Strassen überqueren. In einer Kneipe fragen wir nach einer Übernachtungsmöglichkeit und werfen uns todmüde auf den Lehmboden der kleinen Gaststätte, die Gäste an den anderen Tischen bekommen wir kaum noch mit.

Rio Urubamba, der heilige Fluss der Inkas.

Rio Urubamba, der heilige Fluss der Inkas.

Die PE-28B wechselt ähnlich wie das Wetter ständig ihr Gesicht, wir wissen einfach nie was uns hinter der nächsten Kurve erwartet oder was das Wetter in der nächsten Stunde für uns bereit hält. Was sicher ist, der Hintern brennt wie die Hölle und die Oberschenkel drohen zu platzen, nach einigen Tagen erreichen wir den „Rio Urubamba“, den heiligen Fluss der Inkas, ein erstes Zeichen wir sind auf dem richtigem Weg und unser Ziel rückt langsam näher. Die 22.000km sind inzwischen voll, die Menschen halten uns weiter für Spinner und die Fahrer der Minibusse haben z.T. in ihrem Berufsleben, nach eigener Aussage, noch keine Radler auf dieser Strecke ausgemacht. Wir dringen weiter in eine Geheimwelt ein, zumindest fühlen wir uns als wie wir die Menschen in ihrer Welt überraschen und wir deren Ruhe stören. Eigentlich kaum zu glauben, dass eine der Hauptattraktionen Südamerikas nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt ist. Touristenmassen werden von der andern Seit, von Cusco aus, mit Bussen, Zügen und Taxis zum Machu Picchu gekarrt. Und hier, nichts! Nur Einsamkeit, Berge und Natur.

Erst kurz vor Quillabamba findet sich die Straße auch auf unserer Karte wieder, die Schlagzahl der mit Touristen vollgestopften Minibusse nimmt schlagartig zu, ein weiters Zeichen wir kommen unserem Etappenziel näher. In unserer Mittagspause besuchen wir die Wasserfälle „Siete Tinajas“ (7 Wasserfälle) und ernten viel Bewunderung über unsere Tour in den letzten Tagen. In Quillabamba erleben wir zufällig am Pfingstsamstag eine große bunte Parade, welche dem heimischen Karneval doch sehr nahe kommt, die Lebensfreude der Menschen ist ansteckend und so bewundern wir das Spektakel.

Steiler Abhang auf dem Weg nach Santa Teresa.

Steiler Abhang auf dem Weg nach Santa Teresa.

Der letzte Radtag bevor wir die Inkastätte erreichen hat es nochmals in sich. Wir wechseln auf die Schotterpiste 107, die Straße ist extrem eng und der Abgrund auf der linken Seite erlaubt keine Fahrfehler, jeder Fehler ist hier mit ziemlicher Sicherheit auch der Letzte. Der Ausblick auf die mit Schneebedeckten Gipfel der Berge ist gigantisch und geben der Region ihre Magie. Plötzlich hört der Weg auf, 10 km vor dem Ziel gibt es keinen Weg mehr!!!! Nur noch der, irrsinnig teure Zug fährt die letzten Kilometer, nicht mit uns!!!

Entlang der Gleise bis nach Machu Picchu.

Entlang der Gleise bis nach Machu Picchu.

Wir schleichen uns aufs Gleisbett, holen uns eine „Sondergenehmigung“ bei einem Wachmann, welcher uns müde viel Glück wünscht, und fahren die letzten Kilometer an den Schienen entlang, auf den Brücken gleicht dies einem Balanceakt und wird zur Zirkusnummer, aber nach 2 weiteren Stunden haben wir es tatsächlich geschafft.

Geschafft. Mit dem Fahrrad bis nach Machu Picchu Village.

Geschafft. Mit dem Fahrrad bis nach Machu Picchu Village.

WIR SIND ZUM MACHU PICCHU GERADELT!!!

In vielen Foren für Radfahrer, heisst es dies sei nicht möglich. Wir haben das Gegenteil bewiesen, haben Berge versetzt und unser Ziel erfolgreich erreicht.

Machu Picchu. Ein magischer Ort.

Machu Picchu. Ein magischer Ort.

Am nächsten morgen, es ist Pfingstmontag, um 4.30h machen wir uns auf den Weg um die antike Machu Picchu Stadt zu erobern. Unser Konzept geht auf und noch vor Sonnenaufgang sind wir oben und haben einen einmaligen Blick auf die eindrucksvollen Ruinen der Inkas. Frühmorgens liegt die Felsenstadt im weichem Licht der aufgehenden Sonne malerisch vor uns, diesen majestätischen Anblick werden wir niemals vergessen. Natürlich gehört das ganze Gebiet inzwischen zum UNESCO – Weltkulturerbe, Forscher sind sich einig das die Stadt bereits zur Anfangszeit der Inkas erbaut wurde. Wir setzen noch einen drauf und wandern auf den Machu Picchu-Mountain, der steile Anstieg lohnt sich wir stehen jetzt ca. 600m über den Ruinen und geniessen bei blauem Himmel und Sonnenschein eine 360°C Panoramaaussicht und lassen uns die mitgebrachte Brotzeit schmecken. Schon beim Abstieg wird klar, der klassische

600m über Machu Picchu. Was eine Aussicht.

600m über Machu Picchu. Was eine Aussicht.

Pauschaltourist ist inzwischen auch angekommen und schiebt sich durch die Ruinen. Zahlreiche Alpakas werden als natürliche Rasenmäher eingesetzt, gegen unsere Merino-Shirts von Kaipara sehen aber selbst diese alt aus. Wir geniessen den Moment und Drehen noch eine Runde durch das ursprüngliche Dorf bevor wir den Abstieg auf einem der Inka-Trails angehen.

Am nächsten morgen geht es den gleichen Weg zurück, auf den 10km entlang der Gleise regnet es wie verrückt. Schon nach wenigen Metern sind wir pitschnass und wir schlittern und rutschen die Gleise entlang. Wir lachen uns aber insgeheim ins Fäustchen, gestern hatten wir strahlenden Sonnenschein und konnten unseren Wanderausflug in vollen Zügen geniessen und heute regnet es Bindfäden. Die Götter der Inkas waren mit uns!! Wenigstens können die Touristen auf dem Berg, welche ausschauen wie direkt dem Outdoor-Katalog entsprungen, heute ihre Funktionskleidung gut testen.

Im strömenden Regen gehts zurück nach Santa Teresa.

Im strömenden Regen gehts zurück nach Santa Teresa.

Unten angekommen geht es aber auch für uns vorerst nicht weiter. Die Schottenpiste ist komplett aufgeweicht, Matschfelder und Schlammlawinen machen den Weg heute zur Albtraumstrecke. Zudem sind Sandro’s Bremsen inzwischen komplett blank. Wir sind kein Himmelfahrtskommando und die Abfahrten hier ohne Bremsen kommt einer Kamikaze – Fahrt gleich und macht, speziell bei Regen, absolut keinen Sinn. Lange Rede, kurzer Sinn, den Regentag verbringen wir in einem Allrad-Minibus und lassen uns nach Cusco fahren. Die Beine danken es uns und wir sind kaum eingenickt da wirft uns der Fahrer schon in der Hauptstadt er Inkas raus. Hallo Cusco!!

Cusco, eine tolle historische Stadt.

Cusco, eine tolle historische Stadt.

In Cusco haben wir genau 22.222 km auf dem Tacho und freuen uns auf 2 Tage Auszeit von Bergen, Tälern und Schluchten. Einst war Cusco die Hauptstadt und der Herz des Inka-Imperiums, der „Nabel der Welt“ wie die Inka ihre Stadt nannten. Laut Aussagen anderer Reisenden ist Cusco heute nicht nur die wohl schönste und abwechslungsreichste Stadt Perus, sondern wegen ihrer historischen Bedeutung auch eine der interessantesten Südamerikas. Alte Inkamauern, prächtige Kolonialbauten und reich ausgeschmückte Kirchen erinnern an die bis heute mit Leben erfüllte Vergangenheit. Die Menschen und Märkte scheinen hiernach farbenfroher zu sein wie im restlichen Peru.

Sandro und Julian lassen ihre hintere Bremsanlage komplett austauschen, unsere ursprünglichen Bremsen sind so speziell, dass es in ganz Südamerika keinerlei Ersatzteile gibt. Unzählige Fahrradläden konnten uns nicht weiterhelfen, jetzt geht es eben mit einer komplett neuen Bremsanlage weiter durch die Anden. Hilft ja nichts, wir sind zwar kaum zu stoppen, trotzdem müssen auch wir mal bremsen.

So, wir hoffen die Sonne setzt sich inzwischen auch in Deutschland oder wo auch immer auf der Welt ihr uns verfolgt, flächendeckend durch und ihr geniesst den Wonnemonat Mai. Den nächsten Bericht gibt es vermutlich schon aus Bolivien, unserem Land Nr. 20. In circa 80 Tagen fällt dann auch schon der Startschuss in Rio und sowie es bislang läuft werden wir bei diesem wohl live vor Ort sein, natürlich mit dem Fahrrad.

Mit freundlichen Grüßen,

Julian, Nico und Sandro

Weitere Bilder findest Du in unserer Galerie.